The Saboteur – im Klassik-Test (PS3 / 360)

Seite 1

Spiel:The SaboteurPublisher:Electronic ArtsDeveloper:Pandemic StudiosGenre:Action-AdventureGetestet für:360, PS3Erhältlich für:360, PS3USK:18Erschienen in:2 / 2010

Auf Wiedersehen: Kaum war The Saboteur fertiggestellt, wurde Entwickler Pandemic von Electronic Arts geschlossen bzw. zum reinen Label umfunktioniert – das ist bitter, aber für den Spieler stellt sich eine wichtigere Frage: Taugt das letzte Werk etwas?
Ihr schlüpft während der 1940er-Jahre im von ’den Deutschen’ (der Begriff ’Nazi’ wird nie genannt) besetzten Paris in die Haut des frustrierten Iren Sean Devlin, der von der Résistance-Bewegung angeworben wird. Eigentlich kümmert das Raubein der Widerstand wenig, aber um den verhassten Deutschen eins auszuwischen, ist er mit dabei. Die Storyschreiber nehmen einige Klischee-Fettnäpfchen mit, ingesamt erfüllt die Geschichte ihren Zweck als roter Faden jedoch ordentlich.

Der Beginn inklusive eines kurzen Abstechers in die jüngere Vergangenheit bringt Euch Seans Beweggründe näher und macht einen ästhetischen Schlüsselaspekt von The Saboteur deutlich: Je nach Stimmungslage in den besuchten Landstrichen ist die Grafik des Abenteuers bunt bis schwarz-weiß (mit vereinzelten Farbtupfern in ”Sin City“-Manier). Je dominanter die Besatzer vertreten sind, desto monotoner und trister das Bild, befreite Gegenden wirken spürbar freundlicher. Dieser Optik-Kniff wird stil­sicher eingesetzt und liefert ein stimmiges Bild, er überdeckt aber nicht alle grafischen Unzulänglichkeiten: So sackt die Bildrate bei ordentlich Action ein, Kameraschwenks werden von Tearing begleitet und Charaktere bewegen sich oft steif. Auch die Soundkulisse schwankt: Die deutsche Synchro ist keine Katastrophe, hinkt aber zum Beispiel gegenüber dem Stallkollegen Dead Space deutlich hinterher. Dafür fängt die feine Musikuntermalung aus wehmütigem Jazz, Big Band und Swing die Atmosphäre der französischen Metropole gelungen ein.

Seite 2

Während sich The Saboteur von Genrerivalen inszenatorisch abhebt, verharrt das Spielgeschehen in Standards: Ihr folgt klassischen Sandbox-Gepflogenheiten und klappert Auftraggeber ab, schnappt Euch ein Vehikel, um schneller zum Einsatzort zu gelangen, und legt Euch mit Feinden an. Originell sind die Missionen selten, aber mit genügend Flair ausgestattet: Überwiegend geht es darum, etwa in Gebäude einzudringen und bestimmte Zielobjekte oder -personen zu befreien oder zu zerstören. Zwischendurch eingestreute Einlagen wie die Hatz über einen fahrenden Zug oder das Durchqueren eines brennenden Zeppelins bringen Würze in den Sabotage-Alltag. Geballert wird ohne Zielhilfe, was wie der Nahkampf Übung erfordert. Dem kommt eine wichtige Rolle zu: Setzt Ihr einen deutschen Soldaten außer Gefecht, ohne dass es jemand mitbekommt, könnt Ihr seine Uniform klauen und Euch damit tarnen. Haltet Ihr dann genug Abstand von Feinden und agiert ruhig, bleibt Ihr unentdeckt und vermeidet in manch ­kritischer Situation unangebrachtes Blutvergießen.

Alternativ kommen Eure Kletter­künste zum Zug: Sean ist ein agiler Bursche und besteigt fast jedes ­Gebäude in Paris, um dann von oben ins Geschehen einzugreifen. So behände wie Assassin’s Creed II-­Attentäter Ezio ist er aber nicht, was sich vor allem in einer unnötig ­klobigen Klimmzug-Kontrolle niederschlägt.

Natürlich könnt Ihr abseits der Story-Missionen andere Tätigkeiten ausüben. Neben einer Handvoll Nebenaufträge und Autorennen beschränken sich diese überwiegend darauf, deutsche Einrichtungen wie Funkmasten, Fahrzeuge und Stellungen zu zerstören – davon gibt es nämlich jede Menge. Als Belohnung erhaltet Ihr Schmuggelware, die Ihr bei Schwarzhändlern gegen Muni­tion und neue Waffen tauscht. Autos dagegen dürft Ihr jederzeit bei einer Garage wieder abholen, sofern Ihr den entsprechenden Typ einmal dort abgegeben habt.

Ingesamt ist The Saboteur ein rundes Erlebnis, das fokussierter und ausgereifter wirkt als das vorherige Pandemic-Spiel (Mercenaries 2). Man merkt dem Weltkriegs-Ausflug aber an, dass den Entwicklern anscheinend die Lust oder Kraft zur letzten Feinpolitur fehlte – jenseits der eigenständigen Ästhetik finden sich auch kaum neue Ideen. Am Ende bleibt ein ordentlicher Sandbox-Vertreter, der sich trotz seiner vielen Kanten gut spielt, im Konzert der Großen wie Assassin’s Creed II oder Grand Theft Auto IV aber nur die zweite Geige spielt.

Meinung

Ulrich Steppberger meint: Pech für The Saboteur, kurz nach Assassin’s Creed II zu erscheinen. Denn im direkten Vergleich werden die Schwachpunkte des an sich gefälligen Pandemic-Finales umso deutlicher: Die normalen Sandbox-Elemente wie die Fahrten funktionieren, sind aber unspektakulär, das ’Rahmenprogramm’ an Aktivitäten ist umfangreich, aber monoton. Und insbesondere die Klettereinlagen wirken schwerfällig, nicht nur hier fehlt der Pfiff des Attentäter-Abenteuers. Trotzdem unterhält der Ausflug nach Paris: Das liegt zum Großteil an der reizvollen Schwarz-Weiß-Ästhetik, auch das interessante Tarnsystem hat seinen Reiz. Zudem ist die Story mit acht Stunden nicht allzu lang und damit vorbei, bevor das Spiel langweilig wird.

Michael Herde meint: Der stilvolle Einsatz von Farben ist clever in die Rahmenhandlung eingebettet, das Spiel an sich sieht gut aus, vor allem die Gesichter finde ich gelungen. Am meisten gefällt mir die Kombination aus jazzig-verruchter Erotik der Pariser 1940er-Jahre und schwarz-weiß-roter ”Nazi”-Ästhetik, welche Saboteu” eine Eigenständigkeit verleiht, die es auf spielerischer Ebene nicht erreicht. Auf der Fahrt mit altmodischen Autos durchs Pariser Umland verzweifle ich in SD-Auflösung beim Versuch, auf gelben Stellen der Karte meine gelbe Wegweiserlinie zu finden. Auch vermisse ich eine Zielerfassung bei den Prügeleien, die mir einige Hiebe ins Leere erspart hätte. Dazu gesellen sich vereinzelte KI-Aussetzer, wodurch Begleiter planlos herumstehen, statt endlich ins Auto zu steigen. Seltsam: Die PS3-Version steuert sich behäbiger als die Xbox-360-Fassung.

Wertung

das ”GTA”-Konzept im Zweiten Weltkrieg
interessante grafische Visualisierung der Stimmungslage in Paris
installiert ca. 4 GB auf Festplatte (PS3)

Sehenswert inszeniertes Open-World-Abenteuer, dessen Spielablauf teils holprig und uninspiriert wirkt.

Singleplayer78MultiplayerGrafikSound

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *