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Es ist schon ironisch: Früher sonnte sich Hersteller Square-Enix im Lichte der Rollenspiel-Geniestreiche von Entwickler tri-Ace, heutzutage scheint gerade der Input des neuen Publishers Sega dafür zu sorgen, dass die japanischen RPG-Asse ihren Namen wieder zu Recht tragen. Im Gegensatz zu Infinite Undiscovery und Star Ocean 4 ist Resonance of Fate nämlich eines nicht: irgendwie schon mal da gewesen. Das liegt in erster Linie am Kampfsystem, welches mit seiner originellen Mischung aus übertriebener Baller-akrobatik und dem ständigen Zwang zum Grübeln über den bestmöglichen Einsatz der Bewegungspunkte Eures Heldentrios den Löwenanteil des Spiels ausmacht und selbst alte Hasen vor lauter Innovation trocken durchschlucken lässt.
Resonance of Fate gibt Euch keine Wahl: Der erfahrene Haudegen Vashyron, Jungspund Zephyr und die suizidale Leanne sind von Anfang an Eure einzigen Spielfiguren. Ausgestattet mit Maschinengewehren, Pistolen, Granaten und einigen Heil- und Hilfs-Items muss sich das Dreigestirn den ballerwütigen Endzeitrüpeln, Riesenmutanten und Roboterspinnen stellen, die das Innere des titanischen Turms von Basel bevölkern, der letzten Bastion der Menschheit im postapokalyptischen Setting von Resonance of Fate.
In Storymissionen, Nebenquests und Zufallskämpfen während der Reise durch die vielen Ebenen des Turmes kommt es ein ums andere Mal zu dramatischen Schusswechseln, die tri-Ace in einer komplex-explosiven Spielmechanik-Mischung aus Echtzeit- und Rundenkampf umsetzt. Die vergleichsweise geräumigen Kampfschauplätze bieten mit Rampen, kleinen Mäuerchen und sonstigen Hindernissen genug Abwechslung, damit kein Gefecht dem anderen gleicht. Während der Kämpfe steht die Zeit für alle Teilnehmer so lange still, bis Ihr eine Eurer drei Figuren bewegt. Ballern oder rennen dürft Ihr so lange, bis die Bewegungspunkte Eures aktiven Charakters aufgebraucht sind, allerdings bewegen sich dann auch Eure Gegner und unterbrechen Eure Aktionen schon mal mit einem Angriff. Habt Ihr alle drei Helden bewegt, sind sämtliche Gegner dran, die noch nicht zum Zug kamen. Dann beginnt die nächste Runde für alle Beteiligten mit frisch gefülltem Zeitkonto.
Zusätzlich müsst Ihr stets klug zwischen Attacken mit Maschinengewehr und Pistolen abwechseln. Ersteres richtet zwar mit Abstand am meisten Schaden an, der gilt allerdings als so genannter ’Streifschaden’. Er wirkt erst tödlich, wenn Ihr direkt mit einer Pistolen-Attacke nachsetzt und regeneriert sich ansonsten wieder. Richtig komplex wird das Kampfsystem durch die sogenannten ’Helden-Module’: orange Kristalle, die am unteren Bildschirmrand angezeigt werden, Euch zeitweilig vor gegnerischem Schaden schützen und die Energie für die taktisch zentralen Heldenaktionen liefern.
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Es kann ein paar Stunden dauern, bis Ihr Euch ansatzweise sicher durch die Schusswechsel ballert, dann läuft Resonance of Fate aber zur großen Spielspaß-Form auf und entwickelt eine interessante Story, die mit der schrittweisen Erkundung des Basel-Turmes verwoben ist. Das marode Ungetüm von einem Bauwerk wird beherrscht von einer religiösen Führungskaste, deren Kardinäle in der Spitze des Turmes residieren und Vash und Co. mit allerlei Storymissionen versorgen. Um diese erledigen zu können, müsst Ihr die aus Sechsecken zusammengesetzten Ebenen der Weltkarte (denn als solche fungiert der Turm) nach und nach mit Puzzlestücken freischalten, die Ihr in den Kämpfen sammelt. Dabei seht Ihr Eure Party nur als abstrakten Marker, lediglich begehbare Orte werden als Miniaturmodelle in 3D gezeigt. Betretet Ihr die Schauplätze, verlassene Kraftwerke, eine Wettkampf-Arena oder die florierende Steampunk-Stadt Ebel, schaltet das Spiel auf 3D-Kulissen mit fixer Kamera um. Die wirken technisch ein bisschen angerostet, gleichen diesen Makel jedoch mit Tag- und Nacht-Zyklus und atmosphärischen Details aus: Rauchende Schlote, klackernde Zahnräder und redselige Bewohner, die gerne auch mal ein Rad ab haben, sorgen für Stimmung.
Weit weniger detailliert gestalten sich dagegen Ausflüge in die spartanisch eingerichteten Dungeons, die nicht viel mehr darstellen als fix miteinander verknüpfte Kampfschauplätze mit ein paar verteilten Kisten. Die Erkundung dieser ebenfalls aus Hexfeldern aufgebauten Labyrinthe ist nichts für Weicheier, denn speichern dürft Ihr innerhalb der Dungeons nicht. Zwar könnt Ihr verlorene Schießereien wiederholen, doch nur, solange Ihr die nötige Strafgebühr aufbringt. Auch die Tatsache, dass Ihr bereits befriedete Dungeon-Räume lediglich im Pseudo-Rundenmodus des Kampfsystems durchlaufen dürft, hemmt den Spielfluss hier unnötig.
Wer sich von davon nicht abschrecken lässt, den belohnen die Entwickler mit einer Fülle an Betätigungsfeldern, die das Rollenspiel rund um die kernigen Ballereien ordentlich mit Motivation versorgen. Arenakämpfe und Nebenmissionen locken mit exquisiten Belohnungen, unzählige modische Accessoires lassen Euch den Look Eures Trios bis hin zur Augenfarbe manipulieren. Allerlei Shops bieten Zubehör und Bastelteile für Eure Waffen an, die Ihr mit allen erdenklichen Zielfernrohren, Magazinen und Griffhilfen aufbohren dürft, wenn es deren Maximalgewicht zulässt.
Meinung
Max Wildgruber meint: Resonance of Fate ist wie ein Fisherman’s Friend: Ist es zu hart, seid Ihr zu schwach! Ein herrlich scharfes Hardcore-RPG in Zeiten der allgemeinen Komplexitätsabrüstung. Die spartanische Hintergrundgrafik der Kampfschauplätze und Dungeons sehe ich gar nicht, weil ich mit Schweißperlen auf der Stirn über Schusslinien, Distanzen oder die Versorgung meiner drei Pistoleros mit Kristallen grüble, um dann ihr atemberaubendes Kugelballett zu bestaunen. Vash, Zeph und Leanne sind mir im Laufe der Story außerdem richtig ans Herz gewachsen. Endlich mal wieder lebendige Anime-Charaktere und keine kreischenden Kulleraugen-Krampfhennen aus dem ”Sailor Moon“-Malbuch! Segas und tri-Aces ’alles anders’-Ansatz im Spieldesign ist unterm Strich wunderbar aufgegangen. Da verzeihe ich auch gerne die etwas zu ausufernde Weltkarten-Puzzelei und die hakelige Dungeon-Erkundung.
Wertung
originelles Stop & Shoot-Kampfsystem
Weltkarte als Hexfeld-Puzzle
konfigurierbare Charakter-Outfits
düsteres Steampunk-Setting
Leicht angerostetes RPG-Schmuckstück, das seine Faszination aus spielmechanisch hervorragenden Taktik-Kämpfen bezieht.
Singleplayer83MultiplayerGrafikSound
