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Kaum ein Genre feierte in den letzten Jahren ein solches Comeback wie der klassische Arcade-Prügler. Die Erben von Final Fight und Streets of Rage schlagen sich seit einiger Zeit gerne in Verbindung mit prominenten Lizenzen von Power Rangers bis Ninja Turtles durch die Konsolenlandschaft – und mit Scott Pilgrim und He-Man stehen 2026 schon die nächsten Prügelknaben bereit. Dieses Jahr beschließt aber Marvels Superheldentruppe: Tribute Games, die uns 2022 das tolle Teenage Mutant Ninja Turtles: Shredder’s Revenge beschert haben, lassen die Superhelden und -schurken auf allen aktuellen Systemen tanzen.
Optisch und inhaltlich orientiert man sich dabei weniger am farblich oft eher zurückhaltenden Marvel Cinematic Universe, sondern vor allem dem Comic- und TV-Marvel-Kosmos der 1990er. Ihr prügelt Euch natürlich durch New York oder über die X-Men-Fans wohlbekannte Insel Genosha, macht einen Abstecher nach Wakanda, auch Asgard und die Regenbogenbrücke dürfen nicht fehlen. Ach ja, und worum geht es? Irgendein fieser Kerl mit dem vielsagenden Namen Annihilus hat es auf das Universum abgesehen – und das gilt es jetzt zu retten.
Bei der Charakterauswahl setzt man auf eine runde Mischung aus Fanlieblingen und ein paar unerwarteten Gesichtern. Natürlich dürfen All-Stars wie Spider-Man, Iron Man, Wolverine oder Captain America nicht fehlen, Teilnehmer wie Phyla-Vell oder Beta Ray Bill erfreuen dann auch die harten Fans. Gut die Hälfte der Figuren spielt Ihr erst im Laufe der Hauerei frei und da das Feld mit ganzen 15 Charakteren doch recht groß ist, zieht Ihr sogar im Solo-Modus direkt als Team los. Per Schultertaste wechselt Ihr den gerade aktiven Helden oder ruft den Partner, um nur schnell ein paar Schläge zu verteilen.
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Die grundlegende Steuerung ist schnell kapiert: Mit einem Knopf greift Ihr an, mit einem springt Ihr, einer ist für Blocks oder Ausweichmanöver reserviert und einer löst das Spezialmanöver Eurer Figur aus. Manche, wie Captain Americas nützlichen Schildwurf oder die Grapple-Manöver von She-Hulk, könnt Ihr unbegrenzt einsetzen. Andere wie Iron Mans Energieschuss oder Black Panthers explosives Wurfmesser sind begrenzt, laden sich aber dank des kurzen Cooldown-Timers wieder auf. Abgerundet wird die Manöverpalette durch den erwähnten Charakterwechsel und einen Superangriff, der sich allerdings erst regenerieren muss. Eine Besonderheit gilt für Charaktere, die auch fliegen können: Drück Ihr als Phoenix, Storm oder Nova im Sprung ein zweites Mal die Sprungtaste, dann schweben sie in der Luft und weichen so Attacken elegant aus oder begegnen ebenfalls fliegenden Feinden auf Augenhöhe.
Dank durchweg gleicher Grundlagen kommt Ihr mit allen 15 Figuren schnell zurecht, gleich spielen sie sich deswegen aber noch lange nicht. Zum einen unterscheiden sich die Helden in Sachen Kraft und Geschwindigkeit: Spider-Man oder Black Panther wetzen flink über den Bildschirm, während es Beta Ray Billy oder She-Hulk eher gemächlich angehen lassen, dafür allerdings extrastark zuhauen. Vor allem aber die individuellen Specials bringen eine willkommene Prise Taktik und Abwechslung in die Action. Und um Euch zu ermutigen, wirklich die ganze bunte Heldenschar einmal auszutesten, schlägt Euch das Spiel im Storymodus für jeden Abschnitt die ideale Heldenkombination vor. Dazu gibt es nach jeder bestandenen Stage Erfahrungspunkte, die Fokus und Lebensenergie Eurer Figuren mit jedem Stufenanstieg etwas erhöhen. Wollt Ihr nur etwas draufhauen und Euch nicht mit Plot und Levelsystem herumschlagen, dann stürzt Ihr Euch in den Arcade-Modus, wo Ihr Stage für Stage die Fäuste schwingt.
Wie es sich für ein ordentliches Gekloppe gehört, macht Cosmic Invasion im Mehrspieler-Modus am meisten Spaß. Wenn Ihr zu viert loszieht und sich dabei dank des erwähnten Team-Features acht Superhelden die Klinke in die Hand geben, ist nicht nur auf, sondern auch vor dem Bildschirm die Hölle los – bunte Pixel, wuchtige Schläge und besonders viele Feinde sorgen für Stimmung. Naturgemäß ist die Gaudi vor allem im lokalen Couch-Koop am größten, ein Online-Modus für weniger intime Gruppendynamik ist aber ebenfalls am Start. Langzeitspaß bringt ein Menü für freispielbares Bonusmaterial und wer auch noch die drei optionalen Herausforderungen pro Level schafft, wird extra belohnt!
Meinung & Wertung
Thomas Nickel meint: Auch im Jahr fünf nach Streets of Rage 4 und trotz des wegweisenden Absolum habe ich noch jede Menge Spaß mit gut gemachten Sidescroll-Kloppereien klassischer Schule – und Marvel Cosmic Invasion ist eine solche. Die Pixel-Interpretationen der Comic-Helden sind hervorragend gelungen, Tribute Games hat sich offensichtlich Inspiration bei Capcoms Marvel-Prüglern aus den 1990ern geholt. Manche Animation und Pose erinnert stark an die japanische Superhelden-Interpretation – und das ist gut so. Auch spielerisch ähnelt Cosmic Invasion durchaus dem einen oder anderen Capcom-Klassiker. Die Action ist nicht ganz so schnell wie vor ein paar Jahren bei den Ninja Turtles, die Sprites sind etwas größer und die individuellen Fähigkeiten der Helden und die Tag-Team-Mechanik sorgen für Abwechslung und Taktik. Vor allem aber begeistert die liebevolle, detaillierte Grafik: Animationen sind flüssig und herrlich dynamisch, an allen Ecken und Enden gibt es etwas Tolles zu sehen – seien es großartige Landschaften, kleine Gags oder überraschende Gastauftritte. Marvel-Fans kommen um Cosmic Invasion ohnehin nicht herum: Selbst wenn Ihr der Kino-Eskapaden des Comic-Konzerns mittlerweile überdrüssig seid, hier könnt Ihr mit Superhelden noch mal richtig die Sau rauslassen. Profis haben es aber im ersten Durchgang arg leicht und werden erst nach Freischalten des hohen Schwierigkeitsgrads angemessen gefordert.
Liebevoll gemachte Pixel-Prügelei im Marvel-Universum – wild, bunt, abwechslungsreich und angenehm fordernd.
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