Mit Midnight hat World of Warcraft eine neue Erweiterung erhalten und sämtliche Klassen eine große Überarbeitung. MeinMMO-Redakteur Benedict Grothaus hat sich zum Addon mal wieder eine neue Klasse angeschaut und dazu ein Hilfs-Tool von Blizzard genutzt – mit überraschendem, aber auch frustrierendem Ergebnis.
Ich war lange Zeit Mythic-Raider und bin immer noch in einer Gilde, die den mythischen Content jede Season erledigt. Im letzten Raid von The War Within, der Manaschmiede Omega, habe ich jedoch weitgehend ausgesetzt – meine Klasse, der Gesetzlosigkeits-Schurke, war dort einfach nutzlos.
Frustriert davon, dass selbst gute Leistung das miese Balancing nicht ausgleichen kann, habe ich das ganze Spiel eine Weile auf Eis gelegt, bis zum Pre-Patch von Midnight, bei dem alle Klassen überholt und viele Skills gestrichen wurden.
Als ich schließlich zurückgekehrt bin, hat sich viel geändert. Mein Schurke spielt sich plötzlich ganz anders, für Midnight wollte ich auf Paladin wechseln und Addons wurden fast gänzlich abgeschafft, wenn auch weniger umfassend als anfangs gedacht.
Um leichter zurück ins Spiel zu finden, dachte ich mir: nutze ich doch mal die Funktionen, die Blizzard von Haus aus liefert. Und, oh boy … Die haben einen wirklich guten Job gemacht. Vielleicht zu gut.
Autoplay
WoW spielt sich jetzt quasi von alleine
World of Warcraft war eine ganze Zeit lang zu komplex für Neulinge. Insbesondere die vielen Skills, die jede Klasse brauchte, sorgten für fehlende Übersicht und Überladung des Interface.
Blizzard hat deswegen mit Patch 11.1.7 zwei neue Tools eingeführt, die helfen sollen, die eigene Klasse zu spielen:
die „1-Button-Rotation“, bei der man nur noch einen Button drückt, der immer den aktuell besten Skill auswählt – mit längerem Cooldown
und den Rotationsassistenten (oder Vorschlag hervorheben bzw. Assisted Highlight) der einen empfohlenen Skill auf der Leiste optisch hervorhebt.
Nach der langen Pause hat mir meine Gilde ein paar Runs angeboten, um wenigstens noch Reittiere und Co. mitzunehmen und um kein vollständiger Ballast zu sein, dachte ich mir: bevor ich komplett versage und meine Klasse neu lernen muss, nutze ich einfach die Rotationshilfe, ähnlich wie damals das Addon Hekili.
Eigentlich habe ich wenig erwartet, schließlich hielt ich mich immer für einen guten Spieler. Als ich mich plötzlich wieder im DPS-Meter sehen konnte, habe ich angefangen, an meinen Fähigkeiten zu zweifeln …
Die Funktion findet ihr bei den Gameplay-Verbesserungen.
Der Assistent hebt den Skill hervor, den ihr als nächstes nutzen solltet.
Ich mache jetzt viel mehr Schaden, dabei drücke ich nur leuchtende Knöpfe
Der Rotationshelfer funktioniert in etwa so wie der Paladin damals in Cataclysm: drück einfach auf den Skill, der gerade leuchtet, dann wird’s schon irgendwie. Für jemanden, der gerade keine neue Klasse lernen, sondern einfach mitmachen will, ideal.
Was mich dann überrascht hat, ist, dass ich tatsächlich Schaden gemacht habe. Nicht nur so ein bisschen, sondern deutlich mehr als erwartet. Gesetzlosigkeits-Schurken waren den gesamten letzten Raid und bis zum Ende von TWW eine der schlechtesten DPS-Klassen.
Jetzt stand ich plötzlich über einigen meiner Mitspieler, die viel bessere Ausrüstung haben. Nicht falsch verstehen: das liegt nicht nur an dem Tool. Die Klassen-Balance ist mit dem Pre-Patch stark verschoben worden, Outlaws waren immer noch schwach, aber im Verhältnis nicht mehr absolute Loser. Einen Vergleich findet ihr im letzten Stand der DPS-Liste.
Mehr hat mich überrascht, dass ich mit wenig Aufwand so viel reißen kann. Laut Wowhead kommt man mit dem Assistenten etwa auf 4 % weniger Schaden als beim Selbstspielen – ein Deal, den ich gerne eingegangen bin, der aber auch eine bittere Frage aufgeworfen hat:
Bin ich wirklich so ein mieser Spieler?
Bisher dachte ich immer, dass ich meine Klassen eigentlich ziemlich gut beherrsche. Schließlich raide ich mythischen Content, wenn auch schon lange nicht mehr an der Spitze. Der Rotations-Assistent hat mich das anzweifeln lassen.
Denn wenn das Spiel selbst ja schon besser weiß, was ich tun sollte, wie gut kann ich dann wirklich sein? Ähnlich ging es vielen Spielern damals, die die 1-Button-Rotation ausprobiert haben und feststellen mussten, dass sie nicht so gut sind, wie sie dachten.
Der Assistent hat mich durch den Pre-Patch und den größten Teil der Level-Phase begleitet. Langweilig wurde es dabei übrigens nicht, denn eine große Herausforderung war das Leveln selbst noch nie.
Trotzdem hat sich in mir die Befürchtung festgesetzt, dass ich vielleicht wirklich schlechter geworden bin. Zumindest, bis ich häufiger in Dungeons unterwegs war. Denn dort habe ich gemerkt, wo die Schwächen des Assistenten liegen.
Eine gewisse Gefahr und eine fiese Falle
Der Rotations-Assistent nimmt mir nicht das Denken ab, sondern lediglich die mechanische Komponente meiner Klasse, heißt: das, was ich irgendwann sowieso durchs Muskelgedächtnis automatisch mache.
Was einen guten Spieler von anderen abhebt, ist die Fähigkeit, schnell und richtig auf Situationen zu reagieren und das kristallisiert sich aus Tools wie diesem immer mehr heraus. Aber genau hier stellt der Assistent eine gefährliche Falle dar:
die leuchtenden Buttons verleiten dazu, immer nur auf die Skill-Leiste zu schauen und die nächste Fähigkeit zu finden
währenddessen werden Boden-Effekte, in denen man steht, oder Boss-Skills, von denen man getroffen wird, gerne übersehen
Für den Einsatz in schwierigeren Dungeons oder Raids ist der Assistent vermutlich trotzdem nützlich, benötigt aber unbedingt ein angepasstes UI. Und was mir noch aufgefallen ist: Das Tool macht es schwieriger, eine Klasse wirklich zu „lernen.“
Statt mir bewusst zu machen, welche Skills ich nutze und vor allem, warum, drücke ich einfach nur blind Buttons. Es dauerte eine ganze Weile, bis ich gerade beim Leveln die Empfehlungen schlicht ignoriert habe.
Denn die „ideale DPS-Rotation“ ist völlig überflüssig, wenn zwei Skills reichen, um die Gegner zu töten. Wenn diese Skills aber „idealerweise“ erst spät kommen, brauche ich statt 4 Sekunden gerne das Doppelte für den Kampf.
So oder so hat mich der Rotations-Assistent Respekt gelehrt – vor Spielern, die besser sind als ich, aber auch vor Blizzards eigenem Verständnis des Spiels. Und ganz ehrlich: Wenn ich mir die Community teilweise ansehe, muss sich niemand dafür schämen, sich das Spiel etwas einfacher zu machen: Die neue WoW-Erweiterung ist erst einen Tag live, aber Schwitzer eskalieren in Dungeons
Der Beitrag Ich habe ein Tool genutzt, das WoW einfacher macht und bin sauer, wie gut es funktioniert erschien zuerst auf Mein-MMO.
