Red Dead Redemption – im Klassik-Test (PS3 / 360)

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Spiel:Red Dead RedemptionPublisher:Take 2Developer:Rockstar San DiegoGenre:Action-AdventureGetestet für:360, PS3Erhältlich für:360, PS3USK:18Erschienen in:7 / 2010

Red Dead Redemption greift die spielerischen Grundstrukturen des Marken-Kollegen Grand Theft Auto IV auf und geht damit rund 100 Jahre in die Vergangenheit – statt moderner Mafiosi in urbanen Großstädten stehen die letzten Revolverhelden des endenden Wilden Westens im Mittelpunkt. Schauplatz sind drei fiktive Regionen im Südwesten der USA und Mexiko, in denen die Industrialisierung allmählich Einzug hält: Der oft zitierte ’Cowboys gegen Indianer’-Konflikt ist vorüber, dafür tuckern Anfang des 19. Jahrhunderts bereits erste Automobile durch die Prärie und die Welt lässt sich nicht so klar in Gut und Böse einteilen.

Ihr schlüpft in die Rolle von John Marston, der früher ein gesetzloses Leben führte und dessen neue heile Welt als Farmer samt Ranch und Familie aus den Fugen gerät – die Vorgängerorganisation des FBI nimmt seine Frau und seinen Sohn als Geisel, damit er für sie seine alten Ganoven-Kumpane jagt. Viel mehr wollen wir zur über 20-stündigen Hauptstory und ihren überraschenden Wendungen nicht verraten. Hochkarätige Sprecher hauchen den mit ausdrucksstarker Mimik und glaubwürdigen Gesichtszügen modellierten Charakteren Leben ein. Dabei wird stets das Gleichgewicht zwischen Authentizität und stimmungsfördernden Klischees gewahrt – selbst die schrägeren Persönlichkeiten mutieren nie zu tumben Karikaturen, sondern bewahren sich ihre Menschlichkeit.

Atmosphärisch setzt Red Dead Redemption mit seiner reifen Inszenierung Maßstäbe und schafft das Kunststück, dass Euch die Schicksalsschläge, die den ruppigen Protagonisten treffen, richtig mitnehmen. Das Thema Gewalt wird dabei nicht ausgespart: John Marston erleidet klaffende Schusswunden und getroffene Gegner verlieren sichtbar Lebenssaft, übermäßig plakativ ausgeschlachtet wird dies aber nicht. Umso überraschender gerieten die brutalen Nahkampf-Aktionen, wenn Ihr jemand aus der Nähe erschießt (was aber im normalen Spielverlauf eher selten eintritt), und die kurio­sen Blutspritzer gegen die virtuelle Kamera, wenn Ihr ein gejagtes Tier häutet.

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Red Dead Redemption setzt im Spielaufbau konsequent auf die Grand Theft Auto-Karte, hat aber mehr als genug Eigenheiten in petto, die es weit über den Rang eines schlichten Abklatsches herausheben. Natürlich spielt das Szenario dabei die größte Rolle: Überwiegend reitet Ihr durch weitläufige, spärlich besiedelte Steppen mit kargem Pflanzenwuchs oder an Gesteinsformationen vorbei, die an den Grand Canyon erinnern; erst später erwarten Euch etwas grünere Abschnitte. Große Metropolen sind in dieser Welt ein Fremdwort, dafür besucht Ihr verschiedene kleine Siedlungen, wie man sie aus diversen ­Spaghetti-­Western kennt, bis hin zu mexikanischen Kleinstädten, in denen sich korrupte Militärs ein kleines Paradies eingerichtet haben. Die schicke Grafik überzeugt vor allem in den Details: In naturbelassenen Gegenden wirkt der Pflanzenwuchs organisch und nicht in Reih und Glied ausgesät. Wohngebäude und andere Häuser sehen ebenso realistisch aus – keine rechten Winkel und glatten Wände dominieren, sondern schiefe Kanten und Bauteile.

Obwohl die Bevölkerungsdichte in den Landstrichen nicht besonders hoch ist, erlebt Ihr keine leblose Welt. In den Siedlungen gehen die Einwohner ihrem Tagesgeschäft nach, auf Reisen erspäht Ihr am Wegesrand oder in der Ferne Vertreter der Tierwelt und werdet des Öfteren Zeuge eines Zufallsereignisses, an dem Ihr aktiv teilhaben könnt: Wird etwa ein flüchtender Mann von einer Gruppe Reiter verfolgt, steht es Euch offen, ob Ihr eingreift oder dem Geschehen seinen Lauf lasst. Gelegentlich entdeckt Ihr auf der Karte ein Fragezeichen: Dort werdet Ihr mit komplexeren Nebenmissionen bedacht, die schon einmal überraschende Auflösungen und Gewissens­entscheidungen mit sich bringen.

Diese Aktivitäten lockern das Geschehen auf und haben handfesten Nutzen jenseits der Geldbeschaffung: Durch Eure Taten erntet Ihr Ruhm (was mehr Nebenaufgaben zugänglich macht) und Ehre. Letztere fällt je nach Eurem Agieren positiv oder negativ aus, was sich u.a. auf die Toleranz von Gesetzeshütern gegenüber Eurem Auftreten auswirkt. Anders als bei GTA könnt Ihr Missetaten nicht auf Dauer durch eine simple Flucht tilgen: Ein ausgeschriebenes Kopfgeld, das Euch zur wandelnden Zielscheibe macht, werdet Ihr dauerhaft nur los, wenn Ihr es bezahlt oder Euch einen Freibrief besorgt.

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Im frühen 19. Jahrhundert seid Ihr meist auf dem Rücken eines Pferdes unterwegs. Der Gaul gehorcht Euren Kommandos aufs Wort, ist aber zwangsläufig nicht so wendig (versucht mal, einen Hengst rückwärts laufen zu lassen) und hat einen eigenen Kopf: Gebt Ihr dem Vierbeiner zu penetrant die Sporen, wirft er Euch aus dem Sattel. Dafür müsst Ihr nie zum Verbrecher werden, um ein Ross zu finden: Per Druck aufs Steuerkreuz pfeift Marston, schon kommt das Pferd angeritten. Noch praktischer: Seid Ihr mit einer Begleitung unterwegs, passt Ihr Euch auf Wunsch deren Tempo an – die lästige GTA-Macke, dass Dialoge bei flotter Reise nicht beendet werden, gehört damit (fast) der Vergangenheit an. Das ist nicht die einzige komfortable Reiseneuerung, die Rockstar uns gönnt: Außerhalb von Siedlungen dürft Ihr fast überall ein Lager aufschlagen und von dort aus sofort zum markierten Zielpunkt springen und sogar jederzeit speichern.

Anfangs bestreitet Ihr das Western­leben lediglich mit einem Revolver und einem Gewehr, später kommen u.a. Wurfmesser, Schrotflinten und eine Scharfschützenwumme hinzu – alle mit zeitgemäßen Einschränkungen wie langen Nachladezeiten oder nur einer Zoom-Stufe. Trotzdem gehen Feuergefechte gut von der Hand, sofern Ihr nicht wild auf die Gegner zustürmt und Deckung nutzt, wenn sich eine bietet. Auf einem Pferderücken oder in brenzligen Situationen mag das nicht immer möglich sein, zudem hat John Marston auch keine flinkeren Reflexe als etwa ein Niko GTA IV Bellic. Deshalb könnt Ihr je nach Eurer Fingerfertigkeit im Optionsmenü aus drei Zielmodi wählen: perfekte Aufschalt-Automatik, manuell und ein gelungener Kompromiss aus beiden. Nicht realistisch, aber in brenzligen Situationen nützlich ist der Dead-Eye-Modus bei Revolvern: Auf Tastendruck aktiviert Ihr eine Zeitlupe und markiert einen oder mehrere Gegner, die danach mit einer flotten Salve erschossen werden.

Damit sind die wichtigsten Punkte von Red Dead Redemption abgesteckt, was die reichhaltige Fundgrube aber bei weitem nicht vollständig beschreibt: So könnt Ihr z.B. Schatzkarten erwerben und anhand vager Zeichnungen verbuddelte Reichtümer heben. Oder Ihr sammelt in der Prärie Pflanzen und Tierfelle, die Ihr danach bei Händlern verkauft. Oder Ihr versucht Euer Glück beim Kartenspiel und provoziert durch Schummeleien ein Mann-gegen-Mann-­Duell. Oder Ihr erwerbt eine Zeitung, in der Artikel über Eure Taten ebenso stehen wie Hinweise und versteckte Cheats. Oder Ihr geht zu Mehrspieler-Runden online. Oder, oder, oder…

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Ob Red Dead Redemption damit besser oder schlechter ist als Grand Theft Auto IV, lässt sich nicht abschließend beantworten – es spielt zweifelsohne auf dem gleichen hohen Niveau und sieht grafisch eine Ecke besser aus. Der Rest hängt davon ab, wie viel Ihr mit der Thematik anfangen könnt: Sofern Ihr keine Abneigung gegen Western habt, solltet Ihr John Marstons Geschichte miterleben.

Die Mehrspieler-Modi konnten wir noch nicht unter realen Bedingungen erproben, deshalb berichten wir nächste Ausgabe im Nachtest ausführlich darüber. Doch die Möglichkeiten sind verlockend: Rockstar San Diego hat sich Gedanken gemacht und von erfolgreichen Online-Titeln inspieren lassen. Bis zu 16 Cowboys tummeln sich in einer Sitzung, in der Ihr die komplette Spielewelt erkunden könnt. Wahlweise treibt Ihr Schabernack und handelt Euch z.B. Ärger mit den CPU-Sheriffs ein, aber auch zielgerichtete Aktivitäten sind vorgesehen: Reitet zu einem von mehreren Ganoven-Lagern und hebt dieses aus oder versucht Euch an ein paar vorgegebenen Matchtypen, die auf bewährten Standards wie ’Deathmatch’ oder ’Capture the Flag’ basieren.

Dabei teilen sich die Mitspieler in Banden ein, alternativ schließt Ihr Euch mit ein paar Freunden zu einer festen Gruppe zusammen. Eure Aktivitäten bescheren Euch wie bei Modern Warfar” Erfahrungspunkte, mit denen Ihr stetig im Rang aufsteigt, was als Belohnung u.a. neue Waffen und bessere Pferde bringt. Damit nicht genug: Im Juni werden als kostenloser Download ein halbes Dutzend Koop-Missionen nachgereicht, in denen zwei bis vier Spieler gemeinsam losziehen können.

Meinung

Ulrich Steppberger meint: Red Dead ­Redemption lässt sich treffend als ”Grand Theft Horse“ beschreiben – und das ist das größte Lob, dass man Rockstars Western-Epos aussprechen kann. Das Gesamtpaket stimmt: So schön wurde der (nicht mehr ganz so) Wilde Westen in einem Spiel noch nie illustriert, vor allem die stimmungsvollen Umgebungen haben es mir angetan. Missionsstruktur, allerhand Nebenaufgaben und die erstklassigen Storysequenzen müssen hinter GTA nicht zurückstecken. Dazu gibt es willkommene Detailverbesserungen wie mehr Checkpoints, freiere Speichermöglichkeiten und ein Zielsystem, das weniger begabten Revolverhelden unter die Arme greift. Vielleicht hätten manche Reise­wege etwas kürzer ausfallen können, außerdem agiert John Marston gelegentlich etwas steif – doch das sind nur kleine Makel in einem Meisterwerk.

Michael Martin meint: Wie Ulrich habe ich kaum etwas zu meckern. Schwer fielen mir die Nachtmissionen, weil vor allem entfernte Gegner in diesen schlecht erkennbar sind. Die angebotenen Minispiele fesseln mich nicht wirklich: Glücksspielverachter werden mit Texas Hold’em und Würfel-Poker wenig Spaß haben, die verkorkste Steuerung beim Hufeisenwerfen muss man sich auch nicht antun. Dann noch eine Frage an Rockstar: Wenn Ihr schon auf schmale Untertitel-Schrift und zu kleine Kartensymbole setzt, warum habt Ihr dem Spiel dann keine Lupe beigelegt?

Wertung

umfangreiche, lebendige Westernwelt
Story umfasst knapp 60 Missionen und dauert über 20 Stunden
viele Nebentätigkeiten möglich
moderate Schwierigkeit

Stimmungsvolles Western-”GTA”, das mit schicker Optik, packender Story und massig Abwechslung fesselt.

Singleplayer93MultiplayerGrafikSound

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