Call of Juarez: Bound in Blood – im Klassik-Test (PS3 / 360)

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Spiel:Call of Juarez: Bound in BloodPublisher:UbisoftDeveloper:TechlandGenre:Ego-ShooterGetestet für:360, PS3Erhältlich für:360, PS3USK:18Erschienen in:8 / 2009

Der amerikanische Bürgerkrieg zwischen den Nord- und Südstaaten spuckte Mitte des 19. Jahrhunderts zahllose gescheiterte Existenzen aus. Viele dieser Verlierer suchten ihren Platz im noch unerschlossenen Wilden Westen – entweder aus Not, Verzweiflung oder Abenteuerlust. Und nicht wenige waren auf der Flucht vor dem Gesetz. So wie die beiden Brüder Ray und Thomas McCall, die sich mitten im Kriegstreiben ihrem Vorgesetzten Colonel Barnsby widersetzen, weil sie lieber die Farm ihrer Mutter beschützen wollen. Bevor Ihr aber Zeuge der in schicker Spielgrafik ablaufenden Befehlsverweigerung werdet, kämpft Ihr als Ray in der ersten von 15 Missionen auf Seiten der Südstaatler. Das lineare Leveldesign schickt Euch an als Yankees getarnten Schießbudenfiguren vorbei, führt Euch zu einer Feldkanone, mit der Ihr Landungsboote versenkt und lässt Euch Platz an einem Gatling-Geschütz nehmen – trotz Levelschläuchen bietet Call of Juarez viel Abwechslung. Zum Abschluss der ersten Missionen sprengt Ihr sogar spektakulär eine Brücke.

Ubisofts Action-Cocktail schmeckt uns zwar verdächtig nach einem Call of Duty-Aufguss, bietet uns aber eine entscheidende Änderung gegenüber World at War – eine Geschichte. Auf der Flucht vor Barnsby und der Jagd nach einem verfluchten Aztekenschatz, dem sogenannten ’Call of Juarez’, werfen die Brüder jedwede Moral über Bord und ziehen mordend durch südliche Bundesstaaten sowie Mexiko. Auf ihrer Schatzsuche machen die Outlaws Bekanntschaft mit einem korrupten Minenbesitzer, einem fiesen Banditenkönig und einem wankelmütigen Indianerhäuptling, dessen Sohn im Verlauf der acht Stunden Spielzeit eine verhängnisvolle Entscheidung treffen wird. Das gute Gewissen des Spiels ist der dritte, bibelfeste McCall-Bruder, den Ihr zwar nicht selbst steuern dürft, der aber fest in die spannende Geschichte integriert ist. Kenner des Erstlings, der 20 Jahre nach Bound in Blood spielt, werden sich zwar gegen eine gewisse Vorhersehbarkeit nicht wehren können, aber dennoch mit dem Antihelden mitfiebern.

Vor (fast) jeder Mission habt Ihr die Wahl, welchen der beiden Brüder Ihr spielen wollt. Ray ist mit seinen beiden Zwillingspistolen auf kurzer Distanz unschlagbar, zudem wirft nur er Dynamit (vergleichbar mit Granaten in Weltkriegsshootern) und bricht Türen auf. Thomas ist mit seinem Gewehr zielsicher aus der Distanz und darf Wurfmesser und Bogen für lautlose Angriffe nutzen. Allerdings erfordert nur eine einzige Schleichpassage im Spiel einen solchen Stealthangriff, ansonsten seid Ihr das genaue Gegenstück von einem indianischen Leisetreter – ein wild um sich ballernder Maulheld mit Sinn für Zerstörung.

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Die weitere Spezialität von Thomas ist der Lassowurf, mit der er an vorgegebenen Stellen Bäume, Balken oder Häuser erklimmt. Stilsicher schwingt Ihr das Lasso mit kreisenden Bewegungen des rechten Analogsticks. Entweder helft Ihr Ray an diesen Stellen hoch oder erkundet Miniabschnitte auf eigene Faust – das Duo trennt sich im gesamten Spielverlauf äußerst selten. Daher absolut unverständlich: Bound in Blood bietet keinen Koop-Modus.

Das Waffenarsenal bedient sich der damaligen Zeit: Revolver und Gewehre in verschiedenen Ausführungen. Geht Euch die Munition aus, ladet Ihr zeitintensiv jede Patrone einzeln nach. Umso wichtiger ist kluges in Deckung gehen: Euer Alter Ego sucht automatisch Schutz hinter Kisten, Zäunen oder anderen Objekten. Trotz historisch akkurater Ballermänner fällt das Zielen selbst bei ausgeschalteter Zielhilfe erstaunlich leicht: Das Fadenkreuz von Rays Pistolen zieht Feinde an wie Motten das Licht. Zusammen mit den beschränkten KI-Gegnern, die sich zwar hinter Objekten verstecken, aber beim Nachladen dümmlich auf offenem Feld herumstehen, verkommt Bound in Blood teilweise zu einem Schützenfest auf Moorhuhn-Niveau. Umso schneller lädt sich dafür der coole ’Konzentrations-Modus’ auf, der sich schon im Vorgänger mit jedem Abschuss füllte. Bei Aktivierung markiert Ihr in Zeitlupe mehrere Gegner, die dann in Echtzeit automatisiert das Zeitliche segnen. Das klappt an bestimmten Stellen sogar kooperativ mit dem KI-Bruder – dann fahren zwei Fadenkreuze vom Bildrand ins Zentrum.

Gelegentliche Bosskämpfe inszeniert der polnische Entwickler Techland als Duell Mann gegen Mann mit einem Augenzwinkern gen zahllose Kino-Western. Mit dem linken Analogstick tänzelt Ihr vor Eurem Gegenüber nach links und rechts und bringt Euch so in die optimale Schussposition; der rechte Stick lenkt Eure nervöse Hand am Halfter, die permanent in Bewegung sein muss – wer zu früh zu nah seine Griffel am Colt hat, erntet eine abweisende Handbewegung. Ein Glockenschlag gibt das Zeichen: Wer alles richtig macht, zieht geschwind seinen Revolver und zielt mit einem nach oben scrollenden Fadenkreuz auf Kopf oder Körper. Wegen flinker Gegner ist dieser atmosphärische Geschicklichkeitstest allerdings stellenweise frustig. Übrigens: Die schwarze Seele in den McCalls duelliert sich nicht nur mit Gaunern, sondern auch mit Gesetzeshütern wie einem Sheriff – weil Thomas dessen Tochter geschwängert hat.

Meinung

Philip Ulc meint: Betrachte ich die reine Shooter-Qualität, kann Bound in Blood nicht mit F.E.A.R. 2 oder gar Killzone 2 konkurrieren – denn dafür sind mir die Gegner allzu leichtes Kanonenfutter. Was der Westernshooter aber richtig gut macht, ist eine spannende Geschichte über verrohte Outlaws zu erzählen, die erst schießen und dann fragen. Viele Wildwest-Klischees wie eine Verfolgungsjagd mit einer Kutsche oder eine Kanufahrt im Indianergebiet feuern in mir die alte Westernliebe an – als ob die Entwickler Filmklassiker durch den Reißwolf geschickt und daraus ein Video­spiel gemacht hätten. Die grafische Darstellung begeistert mich, spielerisch hätte es aber ein wenig mehr Open-World-Feeling wie in den Bonusmissionen sein dürfen. Stellt unbedingt auf englische Sprachausgabe, denn die deutsche Synchro ist ein ­Atmosphäredämpfer.

Matthias Schmid meint: Obwohl ich Kollege Philip zustimme, dass die Shootouts in Call of Juarez mindestens eine Präriemeile von einem Genre-Überflieger wie Modern Warfare entfernt sind und ich Western im TV meide, wie der Teufel das Weihwasser, hat mich Bound in Blood begeistert. Nach dem schwachen Startlevel samt holpriger Massenkampf-Einlagen wurde ich förmlich in die reizvolle Outlaw-Welt gezogen – die McCall-Brüder haben mehr Ecken und Kanten als die Austauschsoldaten der gesamten Call of Duty-Serie zusammen. ­Außergewöhnlich ist das Spiel immer dann, wenn es sich nicht bemüht, andere Titel zu kopieren: Während Deckungs-­Feature und Rail-Shooter-Einlagen überflüssig sind, habe ich das Gefühl einer solch erhabenen Landschaft in kaum einem anderen Actionspiel erlebt. Daumen hoch für Charaktere, Setting und Inszenierung!

Wertung

15 Missionen und 6 Bonusaufgaben
2 spielbare Charaktere
unterwegs mit Pferd, Kutsche und Kanu

Spannender Western-Shooter mit viel Krachbumm, schönen Landschaften und herrlich überzogenen Wildwest-Klischees.

Singleplayer80MultiplayerGrafikSound

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