Borderlands – im Klassik-Test (PS3 / 360)

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Spiel:BorderlandsPublisher:Take 2Developer:Gearbox SoftwareGenre:Action-RollenspielGetestet für:360, PS3Erhältlich für:360, PS3USK:18Erschienen in:12 / 2009

Pandora und ihre Büchse stehen für alles Schlechte der Welt – und für Hoffnung. Ein passender Name für den Schauplatz des Shooter-Abenteuers Borderlands. Das Schlechte ist der unwirtliche Wüstenplanet selbst, verdorben von vagabundieren Banditen, Psychopathen und traurigen Einzelschicksalen. Die Hoffnung verkörpern vier gestrandete Kämpfer, von denen Ihr zu Beginn einen wählt. In Hab­acht-Stellung stehen der bullige Berserker Brick, der drahtige Scharfschütze Mordecai, die schöne Sirene Lilith und der abgebrühte Krieger Roland. Jeder der Recken hat seine persönliche Mission auf Pandora, allen gemein ist aber die Suche nach der “Kammer“, die unermesslichen Reichtum beschert.

Um es kurz zu machen: Die Story in Borderlands ist praktisch kaum vorhanden und das Wenige obendrein schwach präsentiert. Die Stärke liegt vielmehr in der cleveren Verzahnung einer RPG-Spielmechanik mit Ego-Shooter-Ballereien. Freunde des schnellen Abzugs seien gewarnt: Erwartet kein Call of Duty-Shooter-Fest, sondern vielmehr Echtzeit-Kämpfe im Stile eines Mass Effect oder Fallout 3. Kopfschüsse führen nicht zum sofortigen Tod, sondern münden in einem kritischen Treffer, der Bonusschaden verursacht. Schluckt der Gegner Blei, signalisieren Euch aufploppende Zahlen die Schadenstreffer. Rollenspiel-typisch auch die Belohnung: Für erledigte Gegner und Missionen erhalten wir Geld, Erfahrungspunkte und neue Ausrüstungsgegenstände – vornehmlich Waffen, gelegentlich Schutzschilde und klassenspezifische Mods, die die Charakterwerte aufbessern. Ab Level 5 schaltet jeder Held zudem seine auflevelbare, besondere Fähigkeit frei: Lilith macht sich kurzzeitig unsichtbar, Roland stellt einen Geschützturm auf, Brick stürzt sich mit stählernen Fäusten in den Nahkampf und Mordecai lässt seinen Falken fliegen, der Gegner angreift. Die Abklingzeit jeder Spezial­attacke liegt wohldosiert zwischen 30 und 100 Sekunden.

Antriebsfeder von Borderlands ist das Jäger-und-Sammler-Prinzip, das schon Hack’n’Slays wie Diablo und Baldur’s Gate zum Zeitfresser machte – die Suche nach immer besseren Waffen ist endlos. Schießeisen findet Ihr zahlreich in Kisten, auch Gegner und insbesondere die Obermotze hinterlassen fette Wummen. Praktisch: Per Knopfdruck stellt Ihr zwei Waffen vergleichend gegen­über, zudem lassen sich diese nach Farben sortieren. Wie in Online-­Rollenspielen sind Standardknarren weiß markiert, es folgen grüne, blaue und lila Kennzeichnungen. Die seltenen Elite-Knarren erkennt Ihr an der orangen Färbung.

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Gearbox bewarb sein Action-Rollenspiel zwar mit der Fülle an über drei Millionen Schießeisen, das ist aber Augenwischerei. Die Waffenauswahl hält sich an gängige Shooter-Konventionen und spaltet sich in Revolver, Maschinenpistole/Gewehr, Schrotflinte und Granatwerfer, variiert durch Spezialeigenschaften wie Säure- oder Explosivschaden. Daraus generiert das Spiel zufallsbedingt beliebige Kombinationen – ein Eldorado für Item-Jäger.

Pandora ist beherrscht von Wüstensand und dürftig gezimmerten Baracken mit entsprechend gesichtslosen NPCs. Die Questgeber verziehen keine Miene und haben kaum etwas zu sagen – Ihr dafür zu lesen. Dabei hätte diese offenkundig ”Mad Max”-inspirierte Welt doch so viel zu erzählen. Spätestens in der ersten größeren Stadt nach 15 ­Stunden ballerndem Erkunden (nehmt Euch zum Durchspielen das Dreifache an Zeit) fällt Euch das limitierte Spieldesign auf. Das Geschehen ist trotz atmosphärischer Cel-Shade-
Grafik trist, die Welt von Borderlands lebt nicht, sondern wartet darauf, von Euch gesäubert zu werden. Auch die Aufgaben wiederholen sich: Töte x Gegner, bringe Gegenstand A nach B oder suche das Ödland nach diversen Objekten ab. Das ist ­makaber verpackt, wenn zum Beispiel ein Geselle sein abgerissenes Bein wiederhaben möchte oder ein saufender Informant nach zwei Dutzend Bierflaschen verlangt. Allerdings läuft es stets auf das Gleiche hinaus: alles töten, alles einsammeln.

Zum Sightseeing in der großen, aus unzähligen Teilabschnitten bestehenden Welt von Pandora kommt Ihr ohnehin nicht, denn an jeder Ecke wartet mordhungriges Fußvolk. Ebenso wie Waffen und Ausrüstung sind auch Gegner an ein Level gekoppelt. Ab zwei Stufen über Eurem Erfahrungswert habt Ihr keine Chance, gegen die respawnenden Feinde zu bestehen. Immer wieder hält Euch Borderlands an, in der Pampa Euren Level zu steigern. Dabei wird nicht der Fehler wie in Oblivion oder Fallout 3 begangen, dass Feinde mitleveln. Da immer wieder neue Nebenmissionen in bereits befreiten Gebieten angeboten werden, lohnt sich eine Rückkehr nicht nur wegen der Erfahrungssteigerung. Ehemals übermächtiges Feindvolk pustet Ihr mit breitem Grinsen um. Das ist gerade im Koop-Modus nützlich, wenn Ihr schwächeren Mitspielern beim Questen helft. Nur habt Ihr dann das Problem, die Beute gerecht aufzuteilen – ein Duell löst’s!

Meinung

Philip Ulc meint: Schon lange habe ich kein derart motivierendes Hack’n’Slay in mein Laufwerk eingeschoben – was auch daran liegt, dass dieses Genre auf Konsole unter­repräsentiert ist. Dennoch erinnert Borderlands jeden Diablo-Veteranen an die Tugenden eines genüsslichen ­Action-Rollenspiels: Sammeln, Vergleichen, Horten. Nicht zu vergessen, seinen Erfahrungslevel nach oben zu treiben. Wobei Gearbox in diesem Fall übertreibt und den Spieler aufgrund des beinharten Schwierigkeitsgrades ein ums andere Mal zum Hochleveln zwingt. Insbesondere die Bosse sind eine harte Nuss und verlangen taktisches Vorgehen – belohnen aber mit ’epischen’ Waffen und tiefer Genugtuung. Die kaum erhellende Story vermisse ich nicht. Endlich muss mal keine Welt gerettet oder einer Regierung gedient werden, sondern ich strebe nachen meinem eigenen Vorteil. Selbst im vorzüglichen Koop-Modus, wenn ich Mitstreitern die beste Ausrüstung wegschnappe.

Michael Herde meint: Aus Sicht eines Ego-Shooter-Fans begeistert mich Borderlands nicht. Zwar funktioniert die Steuerung einwandfrei und der atmosphärische Cel-Shading-Stil überzeugt weitgehend. Allerdings sind weder Gegner noch Schauplätze besonders abwechslungsreich, auch die Missionen ähneln sich schnell. Die Rollenspielkomponente von Borderlands zwingt zum Aufleveln, vor allem, wenn ich eine coole Level-30-Knarre finde, die ich noch nicht benutzen darf. Philip findet das motivierend, mich hat die Monsterklopperei im Auflevel-Wahn schon bei Diablo gelangweilt. Praktischerweise zieht mich der erfahrenere Kollege im Koop-Modus mit und ich steige schneller auf. Bis dahin sterbe ich aber im Sekundentakt und leere zahllose Magazine in einen einzigen Feindesleib. Schade: Eine Übersichtskarte, auf der man ganz Pandora sieht, fehlt.

Wertung

160 Missionen, 8 Waffengattungen
3 Hauptgebiete, unterteilt in Zonen
keine Rätsel, nur Ballern ist gefragt
zu zweit an einer Konsole zocken

Knackiger Grenzgänger aus zynischem Endzeit-Rollenspiel und flottem Ego-Shooter mit süchtig machender Item-Jagd.

Singleplayer86MultiplayerGrafikSound

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