Addons in WoW bleiben mächtig – Blizzard bricht das größte Versprechen für Midnight

MeinMMO-Dämon Cortyn muss sich schwer zusammenreißen, um nicht die Fassung zu verlieren. Denn das größte Versprechen von World of Warcraft Midnight wird gerade einkassiert.

Es gibt wenige Erweiterungen, auf die ich mich so sehr freue, wie auf Midnight. Ich liebe Quel’thalas und die Blutelfen und bin großer Fan von Xal’atath – schon seit sie in Legion meine Artefaktwaffe war. Jetzt kam auch noch das Housing und hat WoW für mich ganz nah an den Zustand der Perfektion gebracht. Das letzte Sorgenkind waren die (oft als notwendig angesehenen) Addons, die man für Raids oder Dungeons benutzen konnte. Auch die sollten bald verschwinden. Dachte ich. Aber Blizzard verwässert die eigene, rote Linie.

Midnight sollte das Ende der kampfrelevanten Addons werden

World of Warcraft Midnight soll das MMORPG von Blizzard in eine neue Ära führen. Nicht nur geht die Überarbeitung der grundlegenden Spielsysteme weiter, sondern auch eine wichtige Sache steht auf der Agenda: die „Entwaffnung“ von Interface-Addons.

Der Game Director von World of Warcraft hatte dazu einen langen Blog-Eintrag verfasst und klargemacht, was erreicht werden soll: Interface-Addons sollen keinen spielerischen Vorteil mehr bieten. Das heißt, dass so ziemlich alle Addons, die irgendwelche Informationen aus Kämpfen auslesen, nicht mehr funktionieren werden.

Unberührt davon sollen Addons sein, die rein optisch sind oder die für alle zugänglichen Informationen optisch anders darstellen. Kosmetische Anpassungen sollen also weiterhin verfügbar sein, ebenso wie etwa Rollenspiel-Addons oder Datenbanken, die beim Farmen helfen (wie das Addon „All The Things“).

Gleichzeitig bringt Blizzard für viele Addons eigene Lösungen, wie etwa ein internes „Damage Meter“ oder auch eine Zeitleiste, auf der man sehen kann, wann ein Boss besondere Fähigkeiten einsetzt. So will man erreichen, dass alle Informationen für alle zugänglich sind und Addons niemals zur Pflicht oder Erwartung werden.

Stark gestartet, stark nachgelassen

Als die Beta von Midnight an den Start ging, sah man deutlich, wie ernst Blizzard die Sache nahm. Addon-Autoren, etwa von WeakAuras, warfen recht schnell das Handtuch und sagten: Mit diesen Einschränkungen wird es uns nicht mehr geben.

Die Beschneidungen waren sogar so krass, dass selbst vorwiegend kosmetische Addons wie ElvUI ebenfalls erklärten: So können wir nicht weiterarbeiten.

Die Entwickler von Blizzard standen daraufhin im engen Austausch mit den Addon-Autoren, um Beschränkungen wieder zu lockern und kosmetischen Addons wieder die Freiheiten zu geben, die notwendig sind.

Grundsätzlich ist das eine gute Sache – aber wir alle wissen, wie die Community von World of Warcraft funktioniert. Sobald es eine Möglichkeit gibt, etwas auszunutzen und auch nur einen minimalen Vorteil zu erhalten, gibt es auch Addons, die das umsetzen.

Ein Beispiel, das der YouTuber und Analyst Bellular in seinem neusten Video erwähnt, ist „Northern Sky Raid Tools“. Die entsprechende Passage seht ihr bei Minute 2:22 bis Minute 5:38:

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Warum funktioniert das? Weil man auf einer externen Webseite vor dem tatsächlichen Kampf alles einstellt, was nur eingestellt werden kann. Man gibt an, welche Charaktere am Bosskampf teilnehmen und auch, welche Charaktere welche Aufgaben haben – etwa, welche Feinde von wem unterbrochen werden müssen. Anschließend erhält man Zeilen an Code, die man im Spiel in das Addon einfügt.

Weil die allermeisten Bosskämpfe einen festen Timer haben, wann Dinge geschehen, sind das dann auch keine „Live-Informationen“ aus dem Kampf – sondern schlicht vorbereitete Ansagen, die dann in klar lesbare Informationen umgewandelt werden. Damit ist es etwa möglich, direkt an den Lebensbalken der Feinde ein dickes „UNTERBRICH DIESEN MOB“ anzeigen zu lassen – ohne dass man selbst herausfinden muss, welcher Mob eigentlich zu welchem Charakter gehört.

Und ja, streng genommen sind das keine Kampf-Informationen, sondern einfach komplexe Absprachen, die man vorher getroffen hat. Doch für die allermeisten ist wohl klar ersichtlich, dass das am Ende nur WeakAuras mit Extra-Schritten ist.

Gar nicht so schlimm ist noch immer schlimm genug

Bellular ist der Meinung, dass man das Ganze nicht so schwarz sehen sollte. Denn die neuen Möglichkeiten wären noch immer nicht so mächtig, wie es aktuell noch Addons wie „WeakAuras“ sind. Außerdem müsste man eine Vielzahl von Addons installieren, um auch nur ansatzweise an die Möglichkeiten heranzureichen, die aktuell mit WeakAuras möglich sind. Das wäre ohnehin nur für Hardcore-Raider interessant, die im obersten Mythisch-Bereich mitspielen und dürfte für die allermeisten Spielerinnen und Spieler keine Bedeutung haben.

Ich sehe das anders. Wenn es die Möglichkeit gibt, sich durch Addons weiterhin spielrelevante, taktische Vorteile zu verschaffen, die über die reine Optik der Interface-Anpassung hinausgehen, dann wird das auch genutzt werden. Schon jetzt ist es in World of Warcraft so, dass das, was „die Profis“ benutzen, langsam nach unten durchsickert und immer mehr auch von größeren Teilen der Community als Pflicht angesehen wird.

Viel versprochen – viel verwässert.

Ich habe keinen Grund zur Annahme, dass das mit Midnight anders sein wird, wenn Blizzard Addons nun nicht so stark beschneidet, wie man ursprünglich angekündigt hat.

Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Möglichkeiten, wie Blizzard diese Situation jetzt noch retten kann.

Entweder gesteht sich Blizzard ein, dass sie es nicht hinbekommen haben. Es ist schlicht nicht möglich, Addons in ihrer Kampf-Effektivität komplett zu beschneiden, ohne dabei kosmetische Addons und solche, die etwa mehr Zugänglichkeit ermöglichen, zu deaktivieren.

Oder aber Blizzard sagt: „Wir haben wieder zu viel erlaubt“ und setzt erneut mehr Beschränkungen, die zahlreiche Addons doch noch deaktivieren werden.

Denn jetzt haben wir die absurde Situation, dass World of Warcraft Midnight mit dem Pre-Patch bereits nächste Woche losgeht, aber „Addons mit Vorteilen“ irgendwie doch noch existieren – sie sind nur etwas weniger mächtig und deutlich schwieriger umzusetzen. Aber sie existieren und können genutzt werden. Das ist exakt das Gegenteil von dem, was versprochen und angepeilt wurde.

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Noch ist Zeit – Aber die klare Linie fehlt

Fairerweise muss man sagen, dass Blizzard noch ein paar Wochen Puffer-Zeit hat, zwischen dem Pre-Patch und dem eigentlichen Release von Midnight, also Anfang März. Doch Blizzard muss schnell sein und deutlich sagen, wohin sie eigentlich mit Addons wollen. Denn die „rote Linie“ ist inzwischen schon wieder so verwässert worden, dass man mit etwas Zynismus wohl sagen kann: Es bleibt im Kern alles so, wie es ist.

Der große Wurf, den World of Warcraft für mehr Gleichberechtigung und faire Rahmenbedingungen für alle schaffen wollte, egal ob mit oder ohne Addons, scheint mehr als angeknackst zu sein.

Meine klare Meinung dazu: Killt alle Kampf-Addons. Ich möchte ein World of Warcraft sehen, in dem Addons nur noch kosmetisch sind. Ich will die Vision der Entwickler sehen, die jetzt eine ganze Erweiterung so gebaut haben, mit Kämpfen, die darauf ausgelegt sind, dass mächtige Addons der Vergangenheit angehören.

Weicht nicht von diesem Ziel ab. Es war eben nicht genug, einfach nur „WeakAuras“ zu entwaffnen. Auch alle anderen Addons, die irgendeinen spielerischen Vorteil im Kampf bringen, müssen beseitigt werden. Zumindest in diesem Punkt bin ich klar für eine „Ganz oder gar nicht“-Variante. Denn wenn man es nicht „ganz“ macht, werden Addons am Ende doch wieder zu einer Pflichtvoraussetzung für viele Gruppen. Das hemmt am Ende alle, die gerne wieder mit World of Warcraft anfangen würden.

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