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Schnaubend wächst ein schwarzes Ross mit flammenden Hufen aus dem heißen Wüstensand. Ohne Worte schwingt sich die bullige Gestalt mit roter Kapuze in den Sattel des Reittiers und prescht mit gezogenem Schwert einem riesigen Sandwurm entgegen. Ruin heißt das Tier, Krieg sein Herr. Als einer der vier Reiter der Apokalypse gibt es für Euren kampferprobten Helden in Darksiders noch einiges mehr zu erledigen, denn egal ob Zombies, Echsenwesen, muskelstrotzende Dämonen oder Engel in goldener Rüstung: Zwischen Himmel und Hölle hat sich nach dem Jüngsten Gericht alles gegen Euch verschworen. Das hatte nämlich zu früh und ohne Bruch des Siebten Siegels stattgefunden. Dafür war Krieg zur Verantwortung gezogen und 100 Jahre verbannt worden. Wieder in Freiheit macht er sich auf, den wahren Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen.
Über das farbenfrohe, coole Charakterdesign aus der Feder von Ex-Marvel-Zeichner Joe Madureira staunend, begleiten wir Krieg auf seinem gut 20-stündigen Rachefeldzug. Der überrascht bis zum Ende mit immer neuem Kriegsgerät, das Ihr in bester Zelda-Tradition überlegt einsetzen müsst, um Euch gegen Feinde und Endbosse sowie in komplexen Dungeons zu behaupten.
Zu Beginn Eures Abenteuers trefft Ihr auf den gehörnten Dämon Sammael, der Euch nur weiterhilft, wenn Ihr ihm die Herzen vier höllischer Generäle besorgt. Stets auf Eurer Reise dabei ist ein Beobachter des himmlischen Rates, der Euch wie Links Fee Navi Tipps zum Weiterkommen verrät. Auch treffen wir bald den Seelenhändler Vulgrim. In der Spielwelt gesammelte Artefakte und Seelen tauschen wir hier gegen zusätzliche Moves, Fähigkeiten und Heiltränke. Spürt Ihr Vulgrims Versteck in den untereinander verbundenen Spielarealen auf, reist Ihr per Wurmloch noch schneller zwischen den Abschnitten als auf dem Rücken Eures Pferdes Ruin.
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Auf der Suche nach den vier Generälen erkundet Ihr postapokalyptische Szenarien, die mal von dämonischen Kreaturen, mal von Engeln dominiert werden. Immer wieder kommt es zum Kampf, den Krieg vortrefflich beherrscht: Eine Taste fürs Schwert und eine weitere für die Sekundärwaffen Sense und Metallfäustling, zwischen denen Ihr per Steuerkreuz wechselt, bilden die überschaubare Grundlage des vielseitigen Kampfsystems. Mit gedrückter Aktionstaste steigt Krieg in die Luft, lässt die Sense rotieren oder setzt zum vernichtenden Bodenstampfer an. Doch der Handschuh kann noch mehr: Blaue Kristallgebilde versperren den Weg und müssen per Fausthieb zertrümmert werden, rote hingegen erfordern eine gewitztere Strategie: Im Laufe des Spiels erwerbt Ihr
diverse Fernkampfwaffen, darunter eine Pistole, die Ihr auch von Ruins Sattel aus abfeuern dürft. Ein Blashorn schleudert Widersacher zurück und ein übergroßer Wurfstern übernimmt die Funktion von Links Bumerang. Schleudert ihn auf Gegner, markiert mehrere Zielpunkte und lasst die Klinge tanzen oder befördert Flammen von Fackeln zu Bomben, die Ihr auf besagte rote Kristalle geworfen habt, um sie zu zünden. Auch einen Greifhaken findet Krieg und zieht sich damit zu entfernten Rankengewächsen an Wand bzw. Decke und holt kleinere Gegner zu sich heran, um sie noch in der Luft weiter zu bearbeiten. Geschmeidig und ohne Hektik kombiniert Ihr sämtliche Nah- und Fernwaffen zu Combos, die meist in einem Finishing Move enden. Leuchtet die B- respektive Kreistaste über dem Gegner, löst Ihr eine charakterspezifische Sequenz aus, in der Krieg Arme, Beine und literweise Blut verstreut. Dabei gelingt es Darksiders jedoch, nie übertrieben brutal zu sein.
Doch zurück zu Schwert & Co.: Weil jeder der zahlreichen Gegnertypen, die teilweise nur in bestimmten Gebieten auftreten, eigene Angriffsmuster, Stärken und Schwächen hat, empfiehlt sich Blocken, Kontern und Ausweichen. Mit aufgeschaltetem Ziel weicht Ihr bequem in alle Richtungen aus, in Kombination mit den Angriffstasten stehen Euch weitere durchschlagende Moves zur Verfügung. Blocken oder gar getimte Konter-Moves fallen auch Krieg schwer, da diese Funktion wie der Ausweich-Dash auf der rechten Schultertaste liegt. Ihr müsst stillstehen, ehe Ihr Angriffe abwehren könnt, was bei uns in der Hitze des Gefechts nur selten geklappt hat – also weicht lieber aus! Mit Geduld, der richtigen Taktik und schnellen Fingern sind jedoch auch die enorm zähen Bossgegner ohne Energieverlust zu meistern. Abgerundet wird Kriegs Kampfkunst durch diversen Magieeinsatz, der Klingen aus dem Boden wachsen lässt oder Euer Gegenüber entflammt. Wenn es eng wird, weil mal wieder eine Gegnerwelle nach der anderen folgt und die Truhen mit heilenden grünen Seelen bereits geöffnet wurden, verwandelt Ihr Euch in einen Feuerteufel, mit dem Ihr kurzzeitig viel Schaden anrichtet.
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Begnügt sich Darksiders anfangs noch mit einfachen Aufgaben (bringe Gegenstand A zum Ort B, töte X Gegner), legt die Komplexität mit wachsender Ausrüstung mächtig zu. Neben Zelda haben sich die Entwickler auch beim Ego-Knobler Portal bedient und kredenzen clevere 3D-Puzzles, bei denen nicht nur das richtige Timing, sondern auch räumliches Denken gefragt ist. Je länger Ihr dabei den Schuss Eurer Portal-Kanone aufladet, desto höher ist Eure Austrittsgeschwindigkeit, was Ihr beim Erreichen neuer Wege berücksichtigen solltet. Während wir durch finstere Kerker springen, an Seilen hangeln und gefräßige Tentakel an der Decke austricksen, bemerken wir immer wieder, dass Darksiders auf Gegnermassen verzichtet und die Geschicklichkeits- und Knobeleinlagen angenehm in den Vordergrund rückt.
Aus spielerischer Sicht bedient sich Darksiders großzügig und offensichtlich bei namhaften Vorbildern, macht seine Sache dabei aber so gut, dass man es dem Abenteuer nicht verübeln kann. Neben bereits beschriebenen Spielmechanismen lockern die Entwickler Kriegs Handwerk weiter auf: Mehrmals greift Ihr zu Strahlenkanone oder Minenwerfer mit fernzündbaren Geschossen. Dann wuchtet Ihr Euren Helden behäbig durch die Landschaft und meuchelt beispielsweise Engel im Wettkampf gegen einen Schmied mit Riesenwuchs. Oder Ihr fliegt in Panzer Dragoon-Manier durch Höhlen und Katakomben, markiert nahende Flugwesen und fegt sie vom Himmel – nette Einlagen, die sich mit ein wenig mehr Feintuning besser ins Gesamtwerk eingefügt hätten.
Eine größere Schwäche des Spiels ist anderswo zu finden. Die Grundidee der Story klingt nämlich durchaus verlockend: Apokalypse, Dämonen, Engel, Rache – das bietet genügend Stoff, möchte man meinen. Bedauerlicherweise tritt die Handlung aber zu weit in den Hintergrund. Sie bleibt dünn und der Hauptcharakter blass. Wo der ”God of War”-Protagonist Kratos mit jedem Hieb seinen Zorn vermittelt und eine emotionale Identifikation erlaubt, ist Krieg ein brachialer Haudrauf-Typ ohne Seele, der zwar cool aussieht, den wir aber weder sympathisch noch abstoßend finden – er und sein Schicksal sind uns schlicht egal.
Epische Augenblicke zum Mitfiebern sind daher im durchweg hochkarätigen Spiel selten. Aus technischer Sicht gibt es wenig Anlass zu Kritik: Manche Umgebungen wirken auf beiden Systemen trist, die musikalische Untermalung bleibt zögerlich im Hintergrund. Kämpfe vom Rücken Eures Pferdes spielen sich lediglich vereinzelt chaotisch, auch der Kameramann verliert nur selten die Orientierung. Wer abseits von Bayonetta, Dante’s Inferno und God of War metzeln möchte, ohne auf eine üppige Portion gelungener Rätsel zu verzichten, wird mit Darksiders aber sehr glücklich.
Meinung
Michael Herde meint: ”Zelda für Erwachsene” behauptet THQ gerne und hat damit Recht: Die Mischung aus Kämpfen und Rätseln geht auf und sorgt für viele Stunden Unterhaltung. Das Kampfsystem eröffnet gemächlich seine volle Tiefe und geht locker von der Hand. Auf unzuverlässiges Blocken habe ich aber verzichtet und bin lieber per flottem Dash vor Angriffen ausgewichen. Vor lauter Move-Vielfalt musste ich mich immer wieder an weitere Angriffsmöglichkeiten erinnern, deren Einsatz vor allem auf höheren Schwierigkeitsstufen unerlässlich ist. Mich stört es nicht, dass mir viele Momente Déjà-vu-Erlebnisse bescherten, denn die Mischung ist neu und macht Spaß. Selbst regelmäßiges Tearing auf beiden Konsolen bremst meine Freude kaum. Hätten jedoch die Story und ihr Held mehr Raum bekommen, wären sie mir nicht ganz so egal und Darksiders ein emotional mitreißendes Erlebnis. So ist es ’nur’ ein sehr gutes Spiel.
Matthias Schmid meint: Die Steuerung flutscht, das Design ist schlüssig und die deutschen Sprecher grollen wohlklingend aus den Boxen. Und dennoch will der Funke nicht recht überspringen, denn für meinen Geschmack wurde der Look des Spiels zu sehr auf Hochglanz-US-Comic getrimmt – die Dämonen sind bunt statt böse, die Welten eher steril statt voller morbider Details. Auch Story und Namensgebung der Figuren finde ich bemüht, das fängt bei der aus der babylonischen Mythologie entliehenen Tiamat an und hört beim hebräischen Sammael noch nicht auf. Ständig höre ich von ’gefallenen Engeln‘ oder ’apokalyptischen Reitern‘ und muss dabei an kitschigen Gothic-Metal denken. In spielerischer Hinsicht wirkt Darksiders erstaunlich reif: Das Kampfsystem ist variabel, die Upgrades sind vielfältig und die Mixtur aus Metzeln, Sammeln, Shoppen stimmt.
Sebastian Erfurth meint: Darksiders bezeichne ich nur zu gerne als eine ’Videospiel-Paella’. Wo im spanischen Nationalgericht verschiedene Essensreste der Vortage vermengt werden, treffen auch in Kriegs Rachefeldzug viele Features bereits bekannter Videospiele aufeinander. Sei es ein Elemente absorbierender Dark Sector-Wurfstern, ein Bionic Commando-Enterhaken, eine Devil May Cry-Pistole oder God of War-Tötungssequenzen. Darksiders verbindet die besten Gimmicks der Videospielwelt mit lässigem Charakterdesign, ganz nach dem Motto: Lieber gut geklaut als schlecht selber gemacht. Und ohne Zweifel muss ich gestehen, dass Kriegs Paella definitiv zu meinen Leibspeisen zählt. Die Rätsel werden mit der Zeit schön knifflig und die Kämpfe sind durch die Bank bombastisch.
Wertung
fordernde Dungeons mit Rätseln
flexibles Kampfsystem mit Tiefgang
jede Menge Ausrüstung und Waffen
laut Hersteller ungeschnitten
treues Reitpferd für die Oberwelt
Exzellenter Cocktail vertrauter Spielelemente, der Daumen und graue Zellen fordert, bei der Story aber schwächelt.
Singleplayer85MultiplayerGrafikSound
