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Sonic-Fans hatten während der langen Jahre der Jump‘n‘Run-Rivalität reichlich Grund, neidisch auf die Konkurrenz-Konsolen zu schielen: Stets war der Italo-Klempner dem Flitze-Igel mindestens einen Schritt voraus. Seit gut 20 Jahren klebt sein dicker Hintern nun schon auf dem Hüpfspielthron – Abdankung nicht in Sicht. Wer glaubt, die Zeit der missgünstigen Blicke sei im Jahr der winterlichen Olympia-Idylle vorbei, der hat sich geschnitten. Wovon träumen Sonic-Jünger seit Generationen? Genau, von einem neuen 2D-Auftritt ihres Helden auf einer Heimkonsole! Und wem wird exakt dieser Wunsch erfüllt? Den Wii-Besitzern und Mario-Unterstützern – das alte Lied.
Seit dem 20. November turnt der berühmte Schnauzbart wieder durch flache Hüpfspielwelten, dass es eine Freude ist. Und weil geteilte Freude bekanntermaßen noch einmal so viel Spaß macht, dürfen diesmal bis zu vier Spieler gleichzeitig ran. Vor jedem Level wählt Ihr aus, wie viele Pad-Artisten (Ihr haltet die Remote übrigens wie einen NES-Controller) mitspielen – das verschafft Euch einen entscheidenden Vorteil: Wenn Mario in einer Lavagrube verdampft oder Luigi von einem Steinstampfer zermalmt wird, dann ist aller Wahrscheinlichkeit noch ein Toad übrig, der die Show rettet. So lange mindestens eine Spielfigur am Leben ist, geht die bunte Hatz weiter, die gestrauchelten Mitstreiter rudern mit wilden Remote-Schüttlern ins Diesseits zurück. Ausnahme: Habt Ihr alle Leben verbraucht, müsst Ihr zusehen, bis die Kollegen den Levelausgang erreicht haben – den Kumpels ein Leben zu stibitzen, ist leider nicht möglich. Dennoch ist in Partyrunden mit dem ein oder anderen Mario-Einsteiger der Spaß groß und das Geschrei noch größer: Mal schubst Ihr einen Mitstreiter in den Tod (weil sich die Figuren gegenseitig abstoßen), mal schnappt Ihr Euren Freunden den 1-Up-Pilz oder eine Feuerblume vor der Nase weg.
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Scharen sich jedoch mehrere Mario-Fanatiker vor der Wii-Konsole, um das Abenteuer ernsthaft durchzuspielen, offenbart der Titel ungeahnte Schwächen: In späteren Levels sind manche Plattformen schlicht zu eng oder die Kugel-Willi-Dichte zu hoch für ein
so akkurat-berechenbares Hüpfspielerlebnis wie es der Solo-Modus bietet. Wenn das Chaos regiert, stoßt Ihr ohne Schuld an Feuerblumen oder fallt in giftiges Wasser. Fatalerweise raubt Euch eine kleine zeitliche Verzögerung, wenn ein Mitspieler stirbt oder einen Pilz futtert, die Möglichkeit, die eigenen Aktionen perfekt zu timen.
Denn genau das ist möglich, wenn Mario auf Solopfaden die Mission ’Prinzessin retten‘ angeht: Acht Welten mit im Schnitt acht Levels entführen Euch in beliebte Szenarien, Pilzhäuser stocken Eure Vorräte auf, Geistervillen treiben Euch in den Wahnsinn, Boss-Schlösser zur Verzweiflung. Der Schwierigkeitsgrad ist schroffer als im DS-Vorgänger und zieht ab der dritten Welt an – richtig hart wird es aber nie, geübte Pad-Akrobaten sehen den Continue-Schirm nicht ein Mal. Das liegt auch daran, dass es Euch die Endgegner (vom finalen Showdown abgesehen) leicht machen – Mini-Bowser und seine Verwandtschaft überraschen mit manchem Taktikkniff, geben aber nach drei (leicht auszuführenden) Treffern den Löffel ab.
Praktischerweise könnt Ihr den Pixelitaliener vor jeder Stage mit Items aufpäppeln – wer ein schweres Level als Feuer-Mario beginnt, steckt schon mal zwei Treffer mehr weg. Neue Kostüme und Items gibt es in New Super Mario Bros. Wii in überschaubarem Maß: Mit dem Pinguin-Anzug werdet Ihr zum Bauchrutsch-Torpedo, das Propeller-Kostüm macht Mario zum Ein-Mann-Helikopter.
Bewährte Gimmicks (u.a Mini-Pilz, Yoshis, Feuer- und Eisblume) erhöhen nicht nur die Überlebenschancen – mit ihrer Hilfe erreicht Ihr leichter getarnte Geheimgänge, die Mario neue Wege einschlagen lassen oder ihn in andere Welten katapultieren.
Für noch mehr Wiederspielwert sorgen drei sammelbare Sternenmünzen in jeder Stage. Anfangs erscheinen viele unerreichbar – mit Kreativität und viel Übung krallt Ihr Euch irgendwann aber auch den letzten der irrsinnig motivierenden Goldtaler – wer das schafft, dem winkt eine tolle Überraschung…
Meinung
Matthias Schmid meint: Obwohl die Wii-Hüpferei in puncto Leveldesign weniger überraschend und in letzter Konsequenz eine Nuance schwächer ausfällt als die DS-Episode, ist NSMB Wii eine Spielspaßgranate, die Euch vor allem in den Welten vier bis sechs so manche Sternstunde des Jump’n’Runs erleben lässt. Nintendo baut aus wenigen Objekten luftig-leicht anmutende Hüpfparcours, die aber die volle Kontrolle der Spielfigur von Euch verlangen – dank der perfekten Steuerung ist das kein Problem. Enttäuscht war ich darüber, dass manche Szenarien etwas oft auftauchen (z.B. Lavasee), mein Lieblingsdino Yoshi dagegen nur ganz selten zum Ritt einlädt. Was Marios kleines Meisterwerk erneut hoch über die Genrekonkurrenz erhebt, sind die meisterlich motivierenden Sternentaler.
Oliver Schultes meint: Ein Level gespielt und schon bin ich in Marios 2D-Welt gefangen: Die Steuerung ist präzise, das Design knuffig-detailverliebt und überall scheinen Münzen und Goodies versteckt zu sein. Das weckt den Forscherdrang wie schon beim DS-Bruder und macht auch die Wii-Episode zu einem Jump’n’Run-Knaller – zumindest für Solospieler. Die Multiplayer-Runden fand ich leidlich spaßig, oftmals sogar unfair. Vier Charaktere, die nach Münzen geiern, Gegner, die Feuerbälle schießen, rotierende Plattformen – das kann nur im Chaos enden. Verschärft wird das Ganze durch das Stocken des Bildes, wenn ein Mitspieler ein Leben verliert oder ein Extra ergattert. Eine unsinnige Designentscheidung, die nur eins bewirkt: Man kommt aus dem Tritt und stirbt wiederholt unverschuldet. Für Solisten ein klasse Hüpfer, die Mehrspieler-Variante zündet dagegen nicht.
Wertung
4 spielbare Figuren: Mario, Luigi & 2 Toads
Schnellspiel-Modi: Zockt 8 Beispiel-Levels oder macht eine Münzjagd in bereits im Story-Modus geschafften Gebieten
wohlklingende Mario-Melodien, die jedoch nicht das Ohrwurmpotenzial von ”Super Mario Galaxy” besitzen
Hervorragende Jump’n’Run-Sinfonie mit perfekten Kontrollen und brillantem Level-design – im Mehrspieler-Modus zu chaotisch.
Singleplayer90MultiplayerGrafikSound
