Mass Effect 2 – im Klassik-Test (360)

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Spiel:Mass Effect 2Publisher:Electronic ArtsDeveloper:BiowareGenre:Action-RollenspielGetestet für:360Erhältlich für:360USK:16Erschienen in:3 / 2010

Aus dem Augenwinkel seht Ihr, wie Eure Kameradin das Feuer auf einen unsichtbaren Feind eröffnet. Dann stürzt sich ein brüllender Humanoid mordlüstern auf Euch. Instinktiv drückt Ihr den Abzug und seht den abgeschossenen Rumpf des Feindes davontrudeln. Mehr Gestalten wanken auf Euch zu. Die Munition wird knapp. In einer fließenden Bewegung setzt Ihr über einen Mauervorsprung und sucht den Boden ab: Irgendwo müssen doch noch Clips herumliegen! Plötzlich ganz nah das aufgerissene Maul eines Feindes. Das ist das Ende. Mit betäubendem Krach zerbirst das Biest. Ihr seht Euch um, hinter Euch steht Eure Gefährtin mit der Waffe im Anschlag.

Wer nun die schöne Sheva Alomar erwartet hat, der liegt daneben. Denn obwohl sich obige Zeilen auch zur Beschreibung einer Spielszene aus Resident Evil 5 eignen würden, lest Ihr den Test zum zweiten Teil von BioWares Mass Effect-Trilogie. Zombies werden hier Husks genannt, Munitions­clips sind ’Thermoma­gazine’ und Eure Retterin könnte ­Miranda heißen, Jack oder auch Tali. Ihr selbst verkörpert natürlich Commander Shepard, Befehlshaber des Raumkreuzers Normandy, Held der Menschheit, Bezwinger Sarens und seit dem Prolog von Teil 2: reanimierte Weltraumleiche.

Wer jedoch aus unserer Gegenüberstellung einen heftigen spielmechanischen Ruck von Mass Effect 2 in Richtung Action herausliest, liegt goldrichtig. BioWare schreibt neuerdings die Action in ’Action-Rollenspiel’ ganz groß und entfernt kurzerhand umfangreiche RPG-Statistiken, planetare Erkundungstouren mit dem Mako-Buggie sowie die minutenlangen Aufzugsequenzen aus dem zweiten Akt seiner Space-Opera.

Um Fans des ersten Teils nicht zu verschrecken: Das Dialogsystem des Vorgängers blieb unangetastet, Umfang sowie Qualität der dargestellten Gespräche sind nach wie vor auf exorbitantem Niveau. Die cineastische Inszenierung und Dramatik der Story legen sogar noch ein paar Kohlen aufs Action-Feuerwerk.

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Vorbei die sterile ”Star Trek“-­Atmosphäre, Shepards neue Abenteuer erinnern eher an das schmutzige, unberechenbare Universum von ”Farscape“. Held der Menschheit? Pfeifendeckel! Die auf der notdürftig reparierten Citadell-Station residierenden Vertreter der menschlichen Allianz verkennen Shepards Heldentaten aus Teil 1 und erklären die galaktische Bedrohung durch die Superroboterrasse der Reaper gar zum Hirngespinst. Euer neuer Arbeitgeber ist der kettenrauchende ’Unbekannte’, eine Art SciFi-Version des ’Krebskandidaten’ aus ”Akte X” mit blau funkelnden Cyber-Augen. Dieser undurchsichtige Nikotin-Junkie sitzt der extremistischen Cerberus-Organisation vor und engagiert Shepard, um gegen die neuen Handlanger der Reaper, die insektoiden Kollektoren, vorzugehen. Dafür bekommt Ihr eine brandneue Normandy, dicke Wummen wie einen Raketenwerfer mit zielsuchenden Projektilen und eine Liste mit potenziellen Crewmitgliedern, die es kreuz und quer in der Milchstraße anzuwerben gilt.

Insgesamt zehn Kumpane könnt Ihr aufstöbern und zwei davon in Eure jeweils aktuelle Party aufnehmen. Darunter finden sich mit dem Turianer Garrus und der Quarianerin Tali zwei alte Bekannte. Der biotische Krieger Jakob, die genetisch verbesserte Miranda und die schlagkräftige Psychopatin Jack bilden den Restbestand der im Hauptspiel verfügbaren menschlichen Mitstreiter. Den alten Haudegen Zaeed dürft Ihr dagegen nur im Rahmen des ersten DLC-Pakets rekrutieren. Der eiskalte Drell-Assassine Thane, der jähzornige Kroganer Grunt, der salarianische Wissenschaftler Mordin und die Assari-Biotikerin Samara komplettieren Shepards Crew. Jedes Partymitglied erzählt seine eigene detailreiche Hintergrundgeschichte, aus der sich oft eine interessante Nebenquest ableitet. Habt Ihr die erledigt, steht Euch der Charakter zukünftig loyal zur Seite. Das äußert sich in zusätzlichen Fähigkeiten sowie einem alternativen Outfit und beeinflusst außerdem den Ausgang der Hauptstory.

Der Actionpart gewinnt, wie bereits angemerkt, in Mass Effect 2 deutlich an Dominanz. Einerseits spielt sich das toll dynamisch: Shepard geht im Sprint-Modus automatisch in Deckung, Kopftreffer werden mit Schadens-Boni belohnt und Eure Kameraden verdienen sich diesmal ihre Bezeichnung auch wirklich. Sie suchen selbstständig Schutz, setzen ihre Spezialfähigkeiten umsichtig ein und attackieren eigenständig oder lassen sich per Digipad ein Angriffsziel zuweisen. Andererseits wirkt die Mixtur aus Action und Rollenspiel nun nicht mehr aus einem Guss wie noch im ersten Teil.

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Verschachtelte Umgebungen, die Ihr frei erkunden könnt, findet Ihr fast nur noch in den großen, von NPCs bevölkerten Arealen der Citadell, der düsteren Omega-Station oder der Planetenmetropole Nos Astra. Feindkontakte spielen überwiegend in linearen ’Schläuchen’ ohne große Abzweigungsoptionen, die nun zwar nicht mehr so eintönig aussehen wie im Vorgänger, ihre Funktion als stimmungsvolle Schießbude aber kaum verhehlen können.

Dies ist nicht die einzige Änderung am Erfolgsrezept von Mass Effect. BioWare beschleunigt den zweiten Teil konsequent zum Spielspaß-­Kometen: Das lieb gewonnene Einkaufen und das Inventar-Management sowie die Spezialfähigkeiten finden sich in stark vereinfachter Form wieder. Deshalb beeinflusst es auch vor allem die Story, ob Ihr Mass Effect 2 mit einem neuen oder einem aus dem Vorgänger importierten Shepard anfangt, und weniger die Spielmechanik. Waffen, Ausrüstung und Upgrades werden gefunden oder erforscht und stehen danach jedem Charakter zur Verfügung, der sie laut Charakterklasse nutzen darf. Dabei gilt: Je weniger Waffentypen einer der sechs Klassen erlaubt sind, desto mehr Spezial­fähigkeiten stehen ihr als Ausgleich zur Verfügung.

Die Erkundung weitläufiger, wenn auch im Vorgänger hauptsächlich leerer Planeten per Mako-Dreiachser wurde dagegen gestrichen. Ein angekündigtes zweites Download-Paket soll zwar mit dem Gleitpanzer ’Hammerhead’ Abhilfe schaffen, ­momentan seid Ihr allerdings dazu verdammt, Planeten in einem quälend trägen Minispiel nach Rohstoffen und Nebenquests zu scannen (siehe Kasten auf der vorherigen Seite). Erweitert wurden dagegen Eure Dialogoptionen. Per LT- oder RT-Taste greift Ihr impulsiv in Gespräche ein, wenn ein ’Vorbild’- oder ’Abtrünniger’-Symbol auftaucht und unterstützt so die moralisch relevanten Dialogoptionen mit Taten. Das klappt intuitiv und verstärkt zusammen mit der merklich gereiften virtuellen ­Regieleistung die Illusion, dass Ihr in einem fett produzierten SciFi-Blockbuster mitspielen dürft. Für unseren Test stand uns übrigens die englische Fassung zur Verfügung, Mass Effect “ landet komplett eingedeutscht in hiesigen Regalen.

Meinung

Max Wildgruber meint: Greg! Ray! Dazu hattet Ihr kein Recht! Mir doch egal, ob ich jetzt doppelt so viel Spaß bei den Ballereien habe als früher und mir die Wendung der Story ins Verruchte verdammt gut gefällt! Ich ignoriere einfach die zum Weinen schöne Mimik von Shepard und Co. und die viel abwechslungsreicheren Nebenquests. Gebt mir meinen Mako wieder! Oder zumindest das Gefühl, einen Kosmos zu erkunden, bei dem hinter jedem Sternenstäubchen eine tolle Geschichte lauern kann, selbst wenn diese in Textform vermittelt wird. Auch wenn ich guten Gewissens eine Superwertung zücke, bin ich der Meinung, dass Ihr etwas zu viel vom komplexen, sicherlich teilweise sperrigen Stilmix des alten Mass Effect weggelasert habt. Für Teil 3 also bitte die Action aus Teil 2 und die RPG-Tiefe aus Teil 1!

Wertung

neue, schwere Waffensysteme
dynamisches Kampfsystem
moralische Quicktime-Events
10 Crew-Mitglieder, 6 Klassen
fantastisches Film-Feeling

Actionreicher zweiter Akt der grandio­sen Space Opera: temporeich, bombastisch und ein bisschen seicht im RPG-Part.

Singleplayer89MultiplayerGrafikSound

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