Opfert Blizzard die Seele von Warcraft, um so zu sein wie Disney? Auf die Kritik reagiert sogar der ehemalige Chef

Warcraft klingt zu furchterregend. Während die Blizzard-Führung über sowas nachdenkt und das Universum immer massentauglicher machen möchte, verlieren sie die Fans aus den Augen, die das Unternehmen groß gemacht haben – so das Fazit eines Branchen-Beobachters.

Was ist die Ausgangslage? Vor einigen Tagen berichteten wir über ein Interview mit Holly Longdale und Ion Hazzikostas, die bei Blizzard seit Jahren die Richtung von World of Warcraft vorgeben. Dort erklärte die Vize-Präsidentin unter anderem, dass man Warcraft zu so vielen Menschen wie möglich bringen möchte und man rückblickend nicht so zufrieden mit dem Namen sei: Warcraft klinge so furchterregend.

Dieses Interview nahm der Branchen-Beobachter Peter Girnus (kommt eigentlich aus dem Bereich der Cybersecurity) zum Anlass, um in einem langen Beitrag auf X pointiert auf eine Entwicklung bei Blizzard hinzuweisen.

Warcraft zeigt heutzutage auch gerne mal seine niedliche Seite, wie in diesem Trailer:

Was für eine Entwicklung ist das? Peter Girnus verfasst seinen Post aus der Perspektive des Senior Vice Presidents von Activision Blizzard, der auf die 30 Jahre alte Franchise Warcraft blickt. Sein erster Vorwurf: Das Unternehmen holt sich das Feedback von Fokusgruppen ein, die sich eine erhöhte Zugänglichkeit für Warcraft wünschen. Die meisten Befragten haben wahrscheinlich noch nie ein Warcraft-Spiel gezockt.

Im zweiten Schritt kritisiert er die Aussagen aus dem Interview:

Unsere Vizepräsidentin sagte einem Interviewer, dass wir den Spielern „Hochzeiten, Raids und neue Abenteuer“ bieten wollen. Sie nannte Hochzeiten an erster Stelle. Vor Raids. In einem Spiel namens Warcraft. Niemand im Raum zuckte mit der Wimper.

Sie sagte auch: „Niemand denkt dasselbe über Warhammer.“

Sie verglich unsere Franchise ungünstig mit einem Konkurrenten. Offiziell. Als Verteidigung der Franchise.

Peter Girnus auf X

Die erhöhte Zugänglichkeit dient laut Girnus dazu, einen größeren TAM zu erreichen. TAM steht für Total Addressable Market, also die maximale theoretische Zielgruppe, die man mit seinem Produkt erreichen könnte. Es gehe bei Blizzard nicht mehr um Abonnenten oder die Community, die diese Franchise (und Blizzard) groß gemacht hat. Es geht um TAM.

Girnus nennt das die „Disneyfizierung“, ein Begriff, den auch immer wieder Spieler in diesem Zusammenhang nennen sollen: „Unangenehmes wird in Niedliches verwandelt. Krieg in Hochzeiten. Orcs in Maskottchen.“ Alles muss im besten Fall familientauglich sein.

Diese Ausrichtung hat aus Sicht von Girnus jedoch ein großes Problem: „TAM schreibt keine Beiträge in Foren. TAM schreibt keine Abschiedsbriefe. TAM hat keine 20 Jahre Muskelgedächtnis und Lore-Wissen und Raid-Nächte, aus denen echte Freundschaften entstanden sind.“

Laut Girnus ist nicht der Name Warcraft das Problem. „Das Problem ist, dass alte Spieler uns langsam nicht mehr wiedererkennen.“

Wie sind die Reaktionen auf den Post? Peter Girnus bekommt prominente Rückendeckung für seine Analyse. Der ehemalige Blizzard-Präsident Mike Ybarra schreibt auf X etwa:

Lange lebe Warcraft.
Es ging immer um den Konflikt.
Das ist das Haus, auf dem Blizzard gebaut wurde.

Auch viele andere Leser stimmen Girnus zu:

Montana Rodes schreibt etwa: „Das ist der Grund, warum meine gesamte Gilde kein WoW mehr spielt. Die meisten von uns waren seit Vanilla dabei.“

Auch Sky Wlker kritisiert: „Ihr habt versucht, WoW in Guild Wars 2 zu verwandeln, und jetzt ist es ein Disney-Game. Gratulation.“

William Alves ergänzt: „Die Vampir-Manager haben Warcraft endgültig den letzten Tropfen Seele ausgesaugt: Hochzeiten vor Raids, Cash-Shop-Fallen, die darauf ausgelegt sind, Jubiläumsverdiener zu schröpfen, und ein Creative Director, der bei der Namensgebung mitgewirkt hat und jetzt jammert, dass der Name zu gruselig ist.“

Mike Ybarra war Präsident von Blizzard, ist heute CEO von PrizePicks.

Eine Entwicklung, die vor vielen Jahren gestartet ist

Wie bewertet MeinMMO-Redakteur Karsten Scholz diese Analyse? Peter Girnus beschreibt hier eine Entwicklung, die man schon lange bei Blizzard beobachten kann und die auch schon lange von den Fans von Diablo, Starcraft und Warcraft kritisiert wird.

Seit dem enormen Erfolg von World of Warcraft ab 2005 hat sich das Unternehmen gewandelt. Aus weniger als 500 Mitarbeitern wurden in nur 4 Jahren mehr als 4.500. Die neue Messlatte war gesetzt. Der Fokus wechselte auf Service-Games. Zunehmend häufiger stand Blizzard für Entscheidungen, Ankündigungen und die abgelieferte Qualität in der Kritik.

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Die unfassbar schlecht umgesetzte Ankündigung von Diablo Immortal auf der BlizzCon 2018 ist bis heute ein mahnendes Beispiel dafür, dass Blizzard immer wieder an den Core-Fans vorbei entwickelt, um sich neue Zielgruppen zu erschließen. Projekte, die den langjährigen Unterstützern wichtig waren, wie die Neuauflage von Warcraft 3, wurden indes durch ihre mangelhafte Umsetzung an die Wand gefahren.

Dazu kommt eine Entwicklung, die wir seit Jahren überall beobachten können: Marken werden immer häufiger zu Mega-Franchises ausgebaut, die mit Serien, Filmen und Spielen alle Plattformen und mit Merchandise die Wohn- und Kinderzimmer erobern sollen.

Disney lebt das mit Star Wars, dem Marvel Cinematic Universe, Avatar und Co. vor. Viele andere ziehen nach. Wir können also davon ausgehen, dass auf die Worte von Holly Longdale Taten folgen werden: Warcraft wird größer, omnipräsenter, zugänglicher, familientauglicher.

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Aus meiner Sicht kann man aber nicht per se sagen, dass dieser Fokus auf größere Zielgruppen automatisch zu einem schlechteren Ergebnis führt. Ganz im Gegenteil: Blizzard macht aktuell viel richtig. Das Housing für WoW kommt sehr gut an. Overwatch hat sich neu aufgestellt. Für Diablo kommt viel Neues. Zudem bewies ein Trailer vor kurzem erst, dass WoW weiterhin sehr finster sein kann.

Es ist also nicht alles nur Schwarz und Weiß. Es kommt immer auf die Umsetzung im Detail an. Außerdem gehört zur Wahrheit: Ein großer Teil der Fans findet schon lange, dass mit dem beliebten Warcraft-Universum bisher viel zu wenig passiert ist: Blizzard glaubt, sie haben Warcraft zu wenig genutzt – die Community meint: Ach, wirklich?

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