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Städtebau-Fans mit Interesse für ein Rom-Setting mussten auf Konsole bis dato mit dem faden Roman City Tycoon vorliebnehmen oder doch auf PC-Titel ausweichen. Mit Anno 117: Pax Romana gibt es nun allerdings eine Alternative, die auch auf PS5 und Xbox Series eine hervorragende Figur macht.
Genre-Neulinge widmen sich zunächst der Kampagne, in der Ihr wahlweise als Marcus Naukratius oder Marcia Tertia blühende Städte in zwei Provinzen aufbaut. Los geht es im vom Mittelmeerraum inspirierten Latium. Hier werdet Ihr Schritt für Schritt an die zentralen Spielmechaniken herangeführt, die sich im Vergleich zu Anno 1800 kaum geändert haben. Noch immer gilt es, Wohnhäuser aus dem Boden zu stampfen und Produktionsstätten zu errichten, wobei Letztere all die Waren herstellen, die zur Bedürfnisbefriedigung Eurer Bürger nötig sind. Wer beispielsweise Hafer anpflanzt, kann daraus in Garküchen sättigenden Haferbrei erzeugen, während ein Hanfhof besagte Faserpflanze anbaut, die wiederum in einer Spinnerei zu Tuniken, sprich: Kleidungsstücken verarbeitet wird. Damit der Warentransport zwischen den Rohstoff- und Produktionsgebäuden funktioniert, benötigt Ihr natürlich ein durchdachtes Wegenetz sowie als Logistikzentren fungierende Lagerhäuser.
Eine zentrale Neuerung in Anno 117 ist das veränderte Bedürfnissystem: Die Wünsche Eurer Untertanen unterteilen sich diesmal in Kategorien wie Nahrungsmittel, öffentlicher Dienst, Mode und Haushalt. Damit ein Bewohner im Rang aufsteigen kann, müssen die Kategorien gefüllt sein, was jetzt allerdings auch mit einzelnen oder einem Mix aus Gütern funktioniert und nicht zwingend alle mit der Kategorie verbundenen Produkte voraussetzt. Das führt zu mehr Flexibilität im Spielablauf und macht das System zudem einsteigerfreundlicher. Da jedes Eiland eigene geografische Begebenheiten und Bodenfruchtbarkeiten mit sich bringt, kommt Ihr irgendwann trotzdem nicht umhin, bestimmte Güter auf anderen Inseln herzustellen oder sie Euch über Handelsbeziehungen mit weiteren Match-Teilnehmern zu beschaffen. Das ganze System ist wiederum clever mit dem keltischen Albion, der zweiten geografischen Region des Spiels, verzahnt. So fordern etwa die Patrizier – Latiums höchste Bevölkerungsschicht – Vogelzungen in Aspik, die nur vom Delicium in Albion hergestellt und somit zwingend für teures Geld importiert werden müssen.
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Für weitere strategische Überlegungen sorgen neun Attribute (Glauben, Wissen, Zufriedenheit, Ansehen, Gesundheit etc.), die sowohl mit Gebäuden als auch mit Waren verknüpft sind. So senken etwa mit Öfen ausgestattete Industriebetriebe wie Bäckereien oder Glasbläser die Brandsicherheit, während Brunnen, Bäder, Zisternen und Feuerwachen sie erhöhen. Vernachlässigt man solche Aspekte, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass in betroffenen Stadtteilen Brände oder Krankheiten ausbrechen.
Darüber hinaus spendiert Ubisoft Anno 117: Pax Romana ein motivierendes Glaubenssystem mit römischen und keltischen Göttern. Einmal über den umfangreichen Forschungsbaum freigeschaltet, können die Gottheiten einzelnen Inseln zugewiesen werden und garantieren dort mächtige, je nach angehäuftem Glauben gestaffelte Boni. Huldigt ein Eiland zum Beispiel dem Kult des Merkur Lugus, werden etwa Handelseinnahmen erhöht. Auch hier ist Flexibilität Trumpf: Wer sich mit den Boni verzettelt hat, tauscht den Inselpatron und passt seine Strategie entsprechend an. Bricht zum Beispiel ein Konflikt mit einem Nachbarn aus, ist Kriegsgott Mars eine gute Wahl, zumal er die Waffenproduktion erhöht, die Truppenmoral steigert, den Sold pro Einheit reduziert und später sogar eine neue, mächtige Gladiator-Kampfeinheit freischaltet.
Apropos Kämpfe: Die machen durchaus Laune. Ihr rekrutiert Einheiten, befehligt sie in Echtzeit von A nach B und behaltet ihre Moral im Auge, die sinkt, wenn eine Gruppe flankiert wird oder Schaden nimmt. Eine Insel gilt dann als erobert, wenn die dazugehörige Gouverneursvilla erfolgreich eingenommen wurde. Damit es gar nicht erst so weit kommt, stattet Ihr Eure Siedlungen mit Palisaden aus Holz (können Feuer fangen), Steinmauern, Toren und Türmen aus. Gekämpft wird außerdem auf hoher See, wo das neue, modulare Schiffs-Upgrade-System zum Tragen kommt und meist derjenige im Vorteil ist, der zuvor in höhere Panzerung und bessere Bewaffnung investiert hat. Prima: Wer keine Lust auf Krieg hat, setzt alternativ auf Diplomatie – idealerweise, indem er rechtzeitig Allianzen schmiedet. Diplomatischen Eindruck beim Gegenüber schinden in diesem Zusammenhang auch eine schlagkräftige Armee, eine Vorzeige-Flotte, eine hohe Wirtschaftsleistung und ein guter Ruf beim Kaiser, der sich immer wieder in aktuelle Geschehnisse einmischt.
Punkten kann Anno 117 schließlich mit einem verbesserten Bausystem, das es erstmals erlaubt, Gebäude und Wege diagonal zu platzieren. Das resultiert nicht immer in mehr Transport-Effizienz, wohl aber in einem deutlich schöneren und natürlicheren Stadtbild.
Meinung
Sönke Siemens meint: Richtig stark, was Ubisoft Mainz hier abliefert! Sei es nun das liebevoll ausgearbeitete Szenario in der Antike, die ausgeklügelte Religionsmechanik, das überarbeitete Bedürfnissystem, der diagonale Weg- und Gebäudebau, der vielschichtige Tech-Tree oder die gelungene Präsentation – Anno 117: Pax Romana hat viele Qualitäten! Umso mehr ärgert es mich, dass die Kampagne diesmal vergleichsweise knapp ausfällt und der Fokus später komplett auf den Endlos-Modus und den Multiplayer verlagert wird. Erbsenzähler könnten dem achten Serien-Hauptspiel zudem anlasten, dass wirklich bahnbrechende neue spielerische Ideen fehlen. Dass ein solcher Schachzug aber auch gehörig hätte schiefgehen können, zeigte jüngst Civilization VII. Davon abgesehen bin ich rundum glücklich mit Anno 117 und freue mich auf kommende DLCs wie Obelix auf einen Schluck Zaubertrank!
Thomas Nickel meint: Das antike Setting holt mich sofort ab und harmoniert ganz wunderbar mit den seit Jahren erprobten und verfeinerten Aufbau-Mechaniken. Die werden sauber und nachvollziehbar eingeführt. Wenn Euch das Spiel dann ins rauere Albion schickt, fühlt Ihr Euch gut auf die kommenden Herausforderungen vorbereitet. Dabei bleibt Anno 117 aber auch sehr flexibel, oft entscheidet Ihr selbst, wie tief Ihr tatsächlich in die Systeme einsteigen wollt und wo Ihr Eure spielerischen Schwerpunkte setzt. Gemeinsam mit der tollen Präsentation zeigt gerade das deutlich, dass Ubisoft Mainz der derzeit wohl verlässlichste und stabilste Firmenableger ist. Einen Wunsch habe ich aber noch. Auf PS5 ist Anno 117 ausgesprochen hübsch – aber für eine Portierung auf Switch 2 mit Unterstützung der Maus-Funktion würde ich auch durchaus den einen oder anderen Optik-Abstrich in Kauf nehmen.
Wertung
optional mit Maus und Tastatur spielbar
Endlos-Modus mit 3 Schwierigkeiten
Gold Edition mit Year 1 Pass für 3 DLCs
Epische Aufbau-Strategie mit hoher Langzeitmotivation und tollem Spielfluss, aber kleineren Ungereimtheiten bei Interface, Steuerung und Modivielfalt.
Singleplayer85MultiplayerGrafikSound
