Dante’s Inferno – im Klassik-Test (PS3 / 360)

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Spiel:Dante’s InfernoPublisher:Electronic ArtsDeveloper:Visceral GamesGenre:ActionGetestet für:360, PS3Erhältlich für:360, PS3USK:18Erschienen in:3 / 2010

”In dieses Flusses wogender Glut, Tyrannen schmoren in kochendem Blut”, reimt der geisterhafte Vergil, Dantes Führer durch die Unterwelt. Während des gesamten Spiels verwöhnt uns der römische Poet mit klugen Versen und bringt uns so das Leiden der Sünder ­näher – mal versorgt er Dante mit geografischen Informationen, mal mit biblischen ­Erklärungen. Weil er in Reimen spricht und mitunter recht altbackene Worte verwendet, müssen wir konzentriert zuhören – nur so erschließt sich für den Spieler Dante Alighieris Vision der Hölle.

Wie im Buch ”Die Göttliche Komödie”, dem Hauptwerk der mittelalterlichen italienischen Literatur, steigt Dante auch im Spiel in die konzentrischen Kreise der Hölle hinab. Freilich war der Dante der Literaturvorlage kein Sensen schwingender Krieger – die Freiheit, Dante zum Actionhelden zu machen, hat sich der Dead Space-Entwickler Visceral Games genommen. Weil unser Held nicht ganz unschuldig daran ist, dass die Seele seiner geliebten Beatrice im Höllensüppchen köchelt, ist ihm kein Wagnis zu gefährlich, kein Ort zu ungastlich, kein Feind zu furchteinflößend.

Mit der Hilfe des Hollywood-­erfahrenen Zeichners Wayne Barlowe hat das kalifornische EA-Studio eine beeindruckende 3D-Umsetzung von Dantes Hölle erschaffen – zusammen mit ihren garstigen Bewohnern ist sie der eigentliche Hauptdarsteller des Spiels. Alighieris geografische Aufteilung der Unterwelt in neun klar voneinander abgegrenzte Bereiche (je nach den Sünden der Verdammten) stellt eine perfekte Steilvorlage für die grafische Gestaltung der Schattenreiche dar. In schönem stündlichen oder halbstündlichen Rhythmus entdeckt Ihr optisch völlig andere Gebiete – verbunden sind diese durch spielerisch simple Hüpf- und Kletterpassagen, die Euch immer tiefer in den Orkus führen. Dante durchquert karge Felsschluchten und spurtet durch Sanddünen, in denen die Glut vom Himmel regnet.

Noch spektakulärer sind ein Spaziergang an den fleischfarbenen Ufern eines kochenden Blutsees, die Wanderung im unheimlichen Selbstmörderwald oder der Ritt durch Dis, die Stadt der Toten, die mit ihren aschfahlen Häuser­gerippen wie eine von Atombomben zerstörte Metropole der Schatten anmutet.

Mit den Bewohnern dieser finsteren Lande hat unser Dante ein Hühnchen zu rupfen: Weil sich bocksbeinige Dämonen, wabbelige Fettmonster, untote Kreuzritter und brennende Skelette schon auf der normalen Schwierigkeitsstufe mit eindrucksvoller Vehemenz auf Euren Helden stürzen, stellen Euch die Entwickler ein Kampfsystem zur Seite, das allen Anforderungen eines modernen Actiontitels gerecht wird. Grund­aktionen wie leichte und starke Hiebe, Ausweichrolle, Finishing ­Moves und Zauber sind schnell erlernt und treffen dank präziser Steuerung meist das Ziel – so chao­tisch-überdreht-hektisch wie ein Bayonetta schon während der ersten Spielstunde ist, wird Dante’s Inferno nie.

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Das heißt jedoch nicht, dass Dantes Repertoire eingeschränkt wirkt – im Gegenteil: Wer nach und nach fleißig Seelenpunkte sammelt, verfügt bald über eine Vielzahl an satt inszenierten Sensen­angriffen – mal attackiert Ihr aus dem Block heraus, mal rauscht Dante von oben auf seine Feinde hernieder.

Dazu kommt Dantes treuester Reisegefährte – das heilige Kreuz seiner Beatrice: Mit dessen erleuchtenden Energiestößen scheucht Ihr Dämonen zurück und holt fliegende Feinde vom Himmel – später im Spiel lasst Ihr auch Schockwellen vom Stapel. Wann Euch all diese Moves zur Verfügung stehen, hängt größtenteils von Eurer Spielweise ab: Greift sich Dante nämlich einen geschwächten Gegner, entscheidet Ihr, ob er hingerichtet oder erlöst wird – je nach Entscheidung wandern ’heilige’ oder ’unheilige’ Punkte auf Euer Konto. Gleiches gilt für zusammengekauerte Sünder, auf die Ihr immer wieder stoßt: Entweder Ihr metzgert sie gnadenlos nieder oder erteilt ihnen die letzte Weihe – dann entscheidet ein eintöniges Minispiel über die Höhe der gewonnen Heiligkeitspunkte. ­Diese Punkte braucht Ihr, um die Stufen der heiligen bzw. unheiligen ’Karriere­leiter’ emporzuklettern – erst dann könnt Ihr die Moves der jeweiligen Stufen hinzukaufen.

Fehlt noch die dritte Komponente im Kampfsystem von Dante’s Inferno – die Zauber. Unterhalb Eures grünen Lebensbalkens prangt eine violette Magieanzeige, die die (aufrüstbaren) Zauberangriffe befeuert, mit deren Hilfe Dante noch effektiver kämpft. Nachdem Ihr sie geschlagenen Endgegnern abgenommen oder im Menü gekauft habt, legt Ihr bis zu vier Magieattacken auf die Buttons. Spätestens, allerspätestens jetzt sollten PlayStation-2-Besitzer aufhorchen: Ein Hack’n’Slay mit Finishing Moves und Ausweichrolle, bei dem man vier Zaubersprüche auf die vier Knöpfe legt? Wer hat hier ”God of War” gesagt? Gibt es dann etwa auch Kisten mit Lebensenergie und Magie, Quick-Time-Events bei den Bossfights, kleine Rätseleinlagen und eine fixe Kamera? Ja! Ja! Ja! Und nochmals: ja! Böse Zungen heißen Dante’s Inferno ein God of War mit anderem Setting und neuem Helden! Und sie haben Recht – auf das ­Wesentliche heruntergebrochen, ist das Spiel eine kompetente Kopie von Sonys Actionhit. Das fängt beim grundlegenden Spielablauf an, geht bei der Knopfbelegung weiter und hört bei den eben beschriebenen Zauberangriffen noch nicht auf.

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Doch zum Glück ist nicht nur die Steuerung so präzise wie das Design geistreich – Visceral Games peppen das God of War-­Gerüst mit kleinen Details auf. Die augenscheinlichste ’Eigenkreation’ sind die Reliquien. ­Diese wertvollen Artefakte sind überall in der Hölle versteckt – mal in einem besonders knackigen Feind, mal an einer schwer erreichbaren Stelle. Im Inventar belegt Ihr zwei Slots mit den gefundenen Reliquien, die Effekte sind derartig vielfältig, dass sich das mehrmalige Durchspielen lohnt: Mancher Gegenstand macht immun gegen eine bestimmte Attacke, ein anderer garantiert mehr Seelenpunkte oder eine um 10 Prozent gesteigerte Chance auf einen kritischen Konter. Je länger Ihr die Gegenstände ausgerüstet habt, desto mächtiger werden sie; steigt Dante im Rang auf, kann er bis zu zwei weitere Reliquien-Slots kaufen.

Was Dante dem ollen Spartiaten ebenfalls voraus hat, ist die Fähigkeit, ein Reittier zu erklimmen; das lernt Kratos nämlich erst im kommenden dritten Teil – so viel hatte die God of War III-Demo schon verraten. Hat Dante ein Monster per Quick-Time-Einlage gezähmt, poltert Ihr mit trägen Kontrollen und drei wuchtigen Schlag- und Feuerspei-Angriffen durch die Unterwelt – spielerisch sind diese Intermezzi einfach gestrickt. Da sich ihre Dauer und Häufigkeit aber in Grenzen halten, sind sie schon wieder vorbei, bevor es langweilig wird.

Grundsätzlich haben die Entwickler eine schöne, zirka zehnstündige Mischung aus folgenden Zutaten erschaffen: Kämpfe (gerne mal in einer von Feuerwänden begrenzten Arena), Mini-Rätsel (weniger komplex als in God of War), Bossduelle (einfallsreich und optisch wuchtig) und Kletterpassagen. Letztere dienen meist als Bindeglieder zwischen den Höllenkreisen und setzen sich aus Sensenschwüngen, Wandläufen und ’Alles stürzt ein’-Hüpfparcours zusammen. Dass Ihr ab und an ins Nirwana trudelt, ist zu verschmerzen – Speicher- und Respawnpunkte sind großzügig verteilt. Außerdem unterbindet es das Spiel, an vielen Stellen abzustürzen – wenn Dante nicht über eine Kante springen soll, dann darf er das auch nicht! Die beliebte unsichtbare Wand als Form der Spielergängelung ist zwar nicht allgegenwärtig, hält Eurem Forscherdrang aber doch zu oft ein hässliches Stoppschild vor die Nase.

Habt Ihr das Abenteuer einmal beendet, schaltet Ihr die höchste Schwierigkeitsstufe und einen langweiligen Challenge-Modus frei. Klickt Euch zudem durch Galerien oder informiert Euch über das Leben Dante Alighieris. Reizvoller ist ein Blick ins umfangreiche Bestiarium oder die Geschichten der in der Hölle schmorenden Sünder. Besonders praktisch schließlich finden wir die Option, das Spiel mit Eurem aufgelevelten Helden (auf einer beliebigen Stufe) noch einmal zu bewältigen.

Meinung

Matthias Schmid meint: Ich bin ein glühender God of War-Fan. Demnach sagen mir auch Spielablauf, Inszenierung und Steuerung von Dante’s Inferno zu – schließlich hält sich das Spiel eng an Sonys Erfolgsformel. Gleichzeitig hat mich Kratos in der Vergangenheit aber mächtig verwöhnt – meine Ansprüche an Dante’s Inferno waren entsprechend gewaltig. Doch sie ­wurden erfüllt! Weil mich das Design der diabolischen Welten und seiner Insassen vollends verzückt, sehe ich darüber hinweg, dass Dante spielerisch kaum eigene Wege geht. Visual Designer ­Wayne ­Barlowe hat eine düstere Wunderwelt erschaffen, vollgepackt mit optischen Details und Anspielungen auf die Literatur­vorlage oder berühmte Kunstwerke. Trotz der erfreulichen 60 Bilder pro Sekunde muss ich aber über einige hässliche Texturen und den gelegentlichen Plastik-Look meckern – die Grafik von Dead Space, dem letzten Spiel der Entwickler, war technisch besser. Auch die ein oder andere God of Warsche Kopfnuss habe ich vermisst – dass Dante weniger brutal zu Werke geht als Kratos, ist hingegen nicht schlimm. Zum Schluss gibt es noch ein Lob für die Bosskämpfe – die sind durch die Bank überraschend und obendrein grandios inszeniert.

Michael Herde meint: Dante’s Inferno kopiert God of War schamlos, was nicht schlecht sein muss, denn die Kratos-Episoden sind exzellent. Auch Dantes Abenteuer ist mit fordernden Ekelgegnern und unzähligen cleveren Moves spielerisch ziemlich unterhaltsam. Was für mich den entscheidenden Unterschied macht, ist der Protagonist: Wo der Mann aus Sparta nämlich ein brutaler, wütender Antiheld ist, dessen Zorn mit jedem Klingenhieb zu spüren ist, da scheint mir Dante zu brav und gesichtslos. Man stelle sich das vor: Um seine große Liebe Beatrice zu retten, ist er gewillt, durch die Hölle zu gehen. Doch auf dem Bildschirm kämpft ein Kerl, der mich emotional nicht mitreißt – in meinen Augen fatal. Da mag die Spielwelt noch so famos gestaltet sein. Wobei EAs Werk auch hier stellenweise schwächelt: Das Design ist prima, die Technik nicht immer.

Wertung

Uncut: Trotz einiger derber Tötungsszenen ist die deutsche Version inhaltsgleich
ordentliche deutsche Sprachausgabe, die aber nicht an die englische heranreicht
gnadenlose ”God of War”-Kopie
sehr umfangreiche Movepalette
Unheiligkeitspunkte stärken Eure Sense, Heiligkeitspunkte verbessern Dantes Kreuz

Spielerisch wenig überraschendes Hack’n’Slay mit dicker Movepalette, feiner Steuerung und herausragendem Artdesign.

Singleplayer86MultiplayerGrafikSound

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