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Was haben eine fluchende Wasserstoffblondine in Unterwäsche, ein sarkastisches Zauberbuch, ein kleiner Junge mit dem Versteinerungsblick der Medusa und ein Wildschwein mit Driftfunktion gemein? Sie alle sind den kruden Gedanken der japanischen Entwickler von Cavia entsprungen, sie alle sind Teil von Nier und verleihen dem Titel einen eigenwilligen Charme.
Nier ist kein Spiel von der Stange, kein Hochglanzprodukt ohne Ecken und Kanten, kein Happen für zwischendurch. Obwohl Titelheld Nier seine Feinde wie Dante oder Kratos in Echtzeit verkloppt, liegt der Fokus – ähnlich der Zelda-Reihe – nicht in erster Linie auf den Hack‘n‘Slay-Einlagen: Stattdessen erkundet Ihr eine weitgehend karge, vereinsamte Welt, kehrt in Dorfschenken ein, um Aufträge anzunehmen, sprecht mit den Bewohnern und erledigt unterwegs kleine Grüppchen garstiger Schattenwesen, die das Land heimsuchen. Titelheld Nier geht das Schicksal dieser Welt anfangs nur wenig an, für ihn steht die Suche nach einem Heilmittel für seine kranke Tochter an erster Stelle – das Mädchen wurde von der mysteriösen Runenpest heimgesucht, muss hustend das Bett hüten und darauf hoffen, dass ihr Vater fündig wird.
Schon nach kurzer Zeit lacht sich Nier zwei Begleiter an: Die knapp bekleidete Kaine ist selbst halb Mensch, halb Schatten, fällt durch ihr loses Mundwerk auf und unterstützt Euch im Kampf mit Schwert und Magie. Setzt aber nicht zu sehr auf ihre Hilfe, in brenzligen Situationen lässt Euch ihre KI schon mal im Stich.
Eine wichtigere Rolle kommt dem sprechenden Zauberwälzer Grimoire Weiss zu: Dieser knurrige Geselle verbündet sich schon kurz nach Spielbeginn mit Nier und ist fortan die magische Komponente in den Kämpfen – nebenbei lässt er keine Gelegenheit aus, Euch ob Eurer Gutmütigkeit oder Kaine wegen ihrer Kraftausdrücke zu rügen. Weil Niers Schwertcombos ziemlich simpel ausfallen, sind Grimoire Weiss‘ magische Fähigkeiten (u.a. Energiespeer, Zauberbarriere, Stacheln aus dem Boden) von großer Wichtigkeit in den Kämpfen. Ihr verteilt sie frei auf zwei Schultertasten des Controllers; wer zudem Niers Block- und Ausweichmanöver für unwichtig erachtet, kann sogar zwei zusätzliche Buttons mit Magieattacken belegen – vorbildlich.
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Erlegte Monster lassen nicht nur Heilkräuter, Rohstoffe und andere Items fallen, sondern vermachen Euch auch Worte, die Ihr in Grimoire Weiss‘ Menü an Waffen und Zauberangriffe heftet, um z.B. Angriffswerte zu stärken, die Drop-Rate für Items zu erhöhen oder den Magiebedarf zu senken. Habt Ihr einige der simplen Nebenaufträge (meist Bring- und Suchdienste) angenommen, findet Ihr diese ebenfalls im Menü – zusammen mit einer praktischen Auflistung der Objekte, die Ihr schon habt bzw. noch besorgen müsst.
Abwechslung wird in den grafisch altbackenen und von Ladezeiten geplagten Landen von Nier großgeschrieben: Die interessante, mal lustige, mal traurige Hauptstory führt Euch zu einem mit Rätseln vollgestopften Wüstentempel, schickt Euch zum Angeln oder Wildschweinjagen, lässt Nier ein unterirdisches Geheimlabor erkunden oder nimmt beim Gang durch ein Resi-inspiriertes Herrenhaus die Farbe aus dem Bild. Gekonnt unterstreichen die Entwickler diese Variabilität mit überraschenden Perspektivwechseln: Das unterirdische Labor seht Ihr aus einer Iso-Sicht wie Diablo oder”Baldur‘s Gate, das Herrenhaus überrascht mit statischen Kameraeinstellungen – kurze Hüpfabschnitte schließlich laufen in einer 2D-Perspektive ab. Besonders überrascht haben uns die einfallsreichen Bosskämpfe: In puncto Verrücktheit und Ideenreichtum könnte sich ein God of War III ein Scheibchen Nier abschneiden.
Wer sich am sehr japanischen Design nicht stört, sollte Nier trotz der simplen Schwertkämpfe eine Chance geben – sonst verpasst er ein extravagantes Action-RPG, das allein schon seiner kauzigen Charaktere wegen spielenswert ist. Oder wolltet Ihr nicht schon immer die Probleme eines Dorfes lösen, das aufgrund seiner zahllosen Regeln nicht mehr weiß, ob der verschwundene Prinz gerettet werden darf: Einerseits verlangt das Gesetz, sofort einen Suchtrupp loszuschicken – andererseits ist es gesetzlich verboten, den Tempel zu betreten, in dem der Thronfolger zuletzt gesehen wurde. Ganz schön verzwickt, dieses Spiel…
Meinung
Matthias Schmid meint: Dass nach einem oberflächlichen Blick auf Nier die Unkenrufe laut werden, Japans Entwickler hätten den Anschluss an den Westen verpasst, ist klar: Mit seinen vielen Ladezeiten, den matschigen Texturen, häufigen Textboxen und so manch langem Laufweg ist Cavias Familiendrama in puncto Inszenierung von modernen Actionreißern wie Uncharted 2 oder God of War III so weit entfernt wie die ”Lindenstraße“ von ”Lost“. Außerdem tut sich das Spiel mit seinem schlecht gewählten Einstieg keinen Gefallen – erst nach zwei, drei Stunden war ich in der Fantasywelt angekommen. Dann gab es kein Entkommen: Der melodiöse Soundtrack und das verträumte Design sind eine Wucht, die sarkastischen Charaktere meiner Begleiter erquickend und die Bosskämpfe so überraschend wie abgedreht. Meinen Hut ziehe ich schließlich, weil die Entwickler den Mut hatten, ihre Ideen radikal umzusetzen: Davon zeugen die absurden Kugelfluten, die mir die Endgegner entgegenspucken, ebenso wie der rein in Textform ablaufende, minutenlange Ausflug in das Unterbewusstsein kranker Dorfbewohner, die in ihren eigenen Träumen gefangen sind – cool!
Wertung
über 100 Worte zum Angriffe-Aufmotzen
einfache Wegführung dank X auf der Karte
nur 3 Speicherstände
Installationsoption von ca. 1 GB verkürzt die PS3-Ladezeiten beträchtlich
Trotz trister Grafik fasziniert der Mix aus RPG-Elementen und Action-Fights; nicht zuletzt dank des Humors und grandioser Musik.
Singleplayer82MultiplayerGrafikSound
