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Wo endet eine Hommage und wo beginnt ein Plagiat? Wie nahe darf eine Parodie dem Original kommen? Schwierig zu beantworten, vor allem wenn das fragliche Produkt so rundum sympathisch aussieht wie Silicon Studios’ 3D Dot Game Heroes. Wer auch immer seine ersten Videospiel-Schritte im 8-Bit-Zeitalter tat, im Idealfall noch per NES, dem treten pixelförmige Tränen der Rührung in die Augen, sobald er auch nur einen Screenshot dieses stilistisch einzigartigen Action-Adventures zu Gesicht bekommt.
Das Grundkonzept ist dabei so einfach wie genial: Ein zweidimensionales 8-Bit-Action-Adventure wölbt sich in die dritte Dimension und reflektiert gleichzeitig über die eigene Seriengeschichte. Die benutzte Grafiktechnik ist dabei nichts Neues. Schon 1992 führte NovaLogics ”Comanche-Flugsimulator die sogenannten volumetrischen Pixel (kurz: Voxel) in die Videospiel-Szene ein, um einen dreidimensionalen Effekt zu erzielen. Was damals aber noch als realistische 3D-Grafik gemeint war, wird heute absichtlich zur Verfremdung eingesetzt. 3D Dot Game Heroes zeigt das Geschehen im Fantasy-Königreich Dotnia aus derselben isometrischen Perspektive wie sein Vorbild, das erste The Legend of Zelda. Im Gegensatz zum 2D-Abenteuer von 1986 besitzt jeder dargestellte Pixel nun auch ein Volumen und wird zum 3D-Würfel. Moderne optische Effekte wie reflektierende Wasseroberflächen, Lichtspielereien und vor allem eine extreme Tiefenunschärfe erwecken den Eindruck, als hätte jemand Shigeru Miyamotos Klassiker mit Legosteinen nachgebaut und mit den Modellen und Gebäuden einen Stop-Motion-Film gedreht. 3D Dot Game Heroes leiht sich sogar den Effekt bei den Spielen der Lego-Serie, dass Gegner, die Ihr per Schwertstreich besiegt, in ihre einzelnen Voxel-Bestandteile zerfallen, die physikalisch korrekt durch die Gegend purzeln.
Die Ähnlichkeiten zu Zelda sind an dieser Stelle aber noch lange nicht erschöpft. Hier wie dort wird ein einst idyllisches Märchenreich – im Fall von 3D Dot Game Heroes heißt es Dotnia – von einer archaischen bösen Macht bedroht. Ein einsamer Kämpfer mit Schwert, Schild und Magie tippelt los, um eine Oberwelt voller Hindernisse und labyrinthischer Tempel zu durchqueren und hilfreiche Items zu sammeln, um schließlich dem Bösewicht – hier dem dunklen Bischof Fuelle – im Duell entgegenzutreten. Euer Heldenmännlein, für das Ihr übrigens jedes Mal einen neuen Voxel-Avatar auswählen dürft, sobald Ihr Euren Spielstand geladen habt, besitzt am Anfang des Spiels nur je drei bzw. zwei Container für Lebens- und Zauberenergie.
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Nach Bosskämpfen, als Belohnung für Sidequests und durch Funde in versteckten Schatzkisten wird Euer Vorrat allerdings aufgestockt, so dass Ihr die immer schwierigeren Gegner in der Oberwelt sowie Wald-, Wiesen- und Wüstentempel nicht mehr zu fürchten braucht. Öffnet Ihr eine Schatzkiste, ertönt natürlich ein Jingle im Zelda-Stil und erwartungsgemäß liegen in den begehrten Truhen neben Energiecontainern fast ausschließlich bekannte Items: Normale Schlüssel und ein großer Boss-Schlüssel öffnen entsprechende Türen in den Tempeln. Diverse Werkzeuge wie Bumerang, Greifhaken und Bomben, die Ihr per frei belegbarer X-Taste einsetzt, erweitern außerdem sukzessive Euren Aktionsspielraum. Per Greifhaken hangelt Ihr Euch zu Holzpflöcken, um Abgründe zu überwinden. Bomben liefern in manchem Bosskampf die Extraportion Bums und öffnen versteckte Räume, die durch Risse in der Wand angedeutet werden. Der Bumerang lähmt kurzzeitig Standardgegner und wird benutzt, um unerreichbare Schalter zu betätigen. Einziges eigenständiges Waffen-Feature: In den Städten kauft Ihr Upgrades für Euer Schwert, macht es länger, breiter und stärker oder lasst Euch gleich eine neue Klinge anfertigen, die gerne auch ungewöhnliche Formen haben darf und z.B. einem Baseballschläger ähneln kann.
Dort, wo die echte Zelda-Serie die oben genannten Elemente variiert und mit großer Kunst zur spieldesignerischen Vollendung führt, steht 3D Dot Game Heroes hinter dem Original zurück. Durch die echte 3D-Perspektive ist es ungleich schwieriger, den Standort von Gegnern oder anfliegenden Projektilen genau zu bestimmen, so dass Ihr öfters danebenhaut oder einen ungerechten Treffer kassiert. Da hilft es auch nichts, dass die durchgehend selbstironisch daherplappernden Einwohner Dotnias sich ebenso über das neue 3D-Upgrade ärgern (welches Ihr König ausgerufen hat), weil nun viel mehr Stellen sichtbar sind und geputzt werden müssen.
Auch das Design der Tempel, die neben der bunten und prachtvollen Klötzchen-Oberwelt ziemlich eintönig und trist aussehen, wirkt stellenweise eher wie ein ”Zelda”-Fanspiel. Zu lange Ladepausen werden auch nach einer Festplatten-Installation nur etwas erträglicher. Unübersichtliche Passagen, dröge Schalterrätsel und Längen nerven genau da, wo Euch das Dungeon-Design eines echten Zelda-Tempels anerkennende Begeisterung entlockt. So bleibt 3D Dot Game Heroes eine ironische Hommage, deren größte Qualität in den teils sehr witzigen Dialogen, dem grandiosen Voxel-Look und den vielen Anspielungen auf die NES-Ära liegen. Dass der Bildschirmtext lediglich auf Englisch vorliegt, ist bei einem Spiel ohne Sprachausgabe im Jahre 2010 aber nicht retro, sondern schwach.
Meinung
Max Wildgruber meint: Vervoxelt und zugenäht! Und es ist doch ein Grafikblender geworden! Die ganze Zeit während der Vorberichterstattung sorgte ich mich um eine zentrale Frage bei 3D Dot Game Heroes: Was würde es spielerisch aus seinem ’Wir machen eine Zelda-Hommage in 3D’–Ansatz herausholen? Nun, da ich Dotnia befriedet habe, muss ich sagen: nicht viel mehr, als eine Zelda-Hommage in 3D. Das nervt mich! Denn ich begrüße selbstreflexive Ansätze in Videospielen generell freudig. Wenn ich bei jedem unfairen Kampf und jedem mauen Rätsel aber immer zum DS-Regal schiele, wo mein noch nicht durchgespieltes The Legend of Zelda: Spirit Tracks einstaubt, haben die Entwickler definitiv etwas falsch gemacht. Ich hoffe aber, dass Silicon Studios an ihrer Idee festhalten, das nächste Mal ein paar mehr gute eigene Ideen einbauen und das sympathische Dotnia fleißig verbessern. Los, ihr Retro-Helden, das könnt ihr doch besser!
Wertung
niedlicher Voxel-Look
Spielprinzip entspricht 8-Bit-Zelda
7 Tempel
frei editierbarer Hauptcharakter
Sehenswertes Retro-Experiment, das spielerisch leider einem schlampig designten 2D-”Zelda” entspricht.
Singleplayer70MultiplayerGrafikSound
