Seite 1
So unterschiedlich sich die drei namhaften Projekte des französischen Indie-Teams The Game Bakers spielerisch auch gestalten, so eint sie nach Ansicht der Macher ein zentrales Element – Freiheit. Beim Bosskampf-Actionspektakel Furi (84% in M! 08/16) war es der Wunsch, frei zu leben, im Sci-Fi-Abenteuer Haven (74% in M! 01/21) das Recht zu lieben, wen man will. Bei der Bergsteiger-Simulation Cairn kann man den Begriff nun gleich mehrfach interpretieren. Zum einen als das Ziel, sich von seinen Obsessionen zu befreien und die eigenen Grenzen zu durchbrechen, zum anderen spielerisch, weil Ihr hier fast gänzlich frei darin seid, wie Ihr den Berg besteigt.
Protagonistin Aava hat es sich zum Ziel gesetzt, als erste Person überhaupt den Gipfel des Berg Kami zu erreichen – und Ihr helft dabei mithilfe einer Steuerung, die wortwörtlich Hand und Fuß hat. Denn sobald Ihr den ersten Griff an einer Felswand platziert habt, positioniert Ihr nach und nach die Gliedmaßen einzeln so, dass Ihr idealerweise in Ritzen und Vorsprüngen sicheren Halt finden und Euch weiter nach oben ziehen könnt. Welche Route Ihr wählt, ist Euch freigestellt.
Das erfordert bereits in der Standardeinstellung eine Menge Vorsicht und Aufmerksamkeit, denn schon eine unbedachte Aktion kann dafür sorgen, dass Aava ins Zittern kommt und abrutscht. Darum empfiehlt es sich, regelmäßig Haken für das Sicherungsseil in die Wand zu klopfen. Allerdings habt Ihr nur eine begrenzte Zahl zur Verfügung und es gibt Felsbereiche, die zu kompakt dafür sind. Außerdem solltet Ihr in bestimmten Abständen Eure Hände mit Kreide einreiben (für festen Griff), die Finger verbinden und Aspekte wie Hunger, Durst, Erschöpfung oder Licht- und Wetterbedingungen berücksichtigen. Wer mag, darf aber auch diverse Hilfsfunktionen nutzen, die vieles erleichtern, nur klettern müsst Ihr weiterhin selbst.
Zwischendurch erreicht Ihr immer wieder ebene Bereiche, wo Ihr Euch ausruht. Zudem findet Ihr weitgehend verlassene Siedlungen der alten Bergeinwohner, die erkundet werden können, und hier und da lassen Dialoge und Storyschnipsel einen Einblick in Aavas Innenleben zu.
Nehmt Euch außerdem immer wieder Zeit, die anstehenden Passagen mit einer optionalen Kameraperspektive zu inspizieren oder einfach das Panorama zu genießen. Cairn versteht es, alles stimmungsvoll in Szene zu setzen, allerdings bleibt Euch selbst auf einer PS5 Pro dabei nur die Wahl zwischen kräftigen Bildrucklern oder häufigem Tearing.
Meinung & Wertung
Ulrich Steppberger meint: Zuletzt versucht, einen Berg zu bezwingen, habe ich bei Baby Steps. Und wie dort hat das gleiche Unterfangen in Cairn bleibende Eindrücke und Momente intensiven Frusts hinterlassen. Ein paar entscheidende Unterschiede gibt es aber, die Cairn für mich zum deutlich besseren Spiel und Erlebnis machen: Hier werdet Ihr nicht absichtlich gequält, sondern mit der zeitweise eben immensen Schwierigkeit des Unterfangens konfrontiert. Zudem verlangt die durchdachte Steuerung zwar immens vorsichtiges Agieren, sie ist aber durchdacht und fühlt sich damit einfach ”richtig” an, auch wenn Aava hie und da mit arg verknoteten Gliedmaßen in der Wand hängt. Doch wer den inneren Schweinehund besiegen und sich durchbeißen kann, darf sich auf ein eindringliches und packendes Kletterabenteuer freuen, das ein gutes Stück von seiner ansehnlichen Inszenierung profitiert. Wiewohl ich von der mageren technischen Performance selbst auf einer PS5 Pro enttäuscht bin. Auch das richtige Ende sagt mir weniger zu, aber das fällt unter Geschmackssache. Den Gipfel des Kami erreicht zu haben, hat bei mir am Ende gleichermaßen Erleichterung wie Euphorie ausgelöst.
Gleichermaßen fesselndes wie forderndes Bergsteiger-Abenteuer mit durchdachter Klettermechanik.
Singleplayer85MultiplayerGrafikSound
