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Als sich Super Smash Bros.-Mastermind Masahiro Sakurai nach der langen und aufwendigen Entwicklungszeit der Switch-Episode Ultimate und des umfangreichen DLCs eine verdiente Auszeit nahm, fragten sich die Fans natürlich, was der Meister als Nächstes anstellen würde. Zuerst überraschte er mit einem eigenen YouTube-Kanal: Bei ”Masahiro Sakurai on Creating Games” fabrizierte er auf eigene Kosten zahlreiche leicht verdauliche und informative Videohäppchen, um auf unterhaltsame Art seine Entwicklungsphilosophie vorzustellen. Als im Oktober 2024 das Finale ausgestrahlt wurde, verriet Sakurai zwar, dass er bereits an einem neuen Spiel arbeite, aber nicht, um welches es sich handelt. Das entpuppte sich im vergangenen Sommer überraschend als die Fortführung eines seiner früheren Werke, aber eben nicht Smash Bros., sondern Kirby Air Riders. Dessen Vorgänger erschien 2003 als einziger GameCube-Auftritt der rosa Knuffelkugel, war ein eigenwilliges Rennspiel und alles andere als ein Publikumshit. Wir bedachten Kirby Air Ride mit mageren 58% (M! 05/04), es hat aber im Lauf der Zeit durchaus eine treue Fangemeinde um sich sammeln können. Dazu gehören offenkundig auch hohe Tiere in der Nintendo-Chefetage, denn wie Sakurai im Rahmen von gleich zwei Direct-Episoden verriet, wurde von dort aus der Wunsch nach einem neuen Teil an ihn herangetragen.
Genug der Geschichtsstunde, kümmern wir uns um das fertige Spiel. Das drückt sich auf seine Art um die Antwort auf die berechtigte Frage, warum der Mario-Konzern eigentlich zum Startzeitraum der Switch 2 gleich zwei Spaßraser braucht. Denn anders als Mario Kart World ist Kirby Air Riders zwar irgendwie auch in diesem Genre zu Hause, spricht mit seinem Sammelsurium an Ideen und Konzepten aber ganz andere Zielgruppen an. Oder um es direkt zu sagen: Steht Euch der Sinn nach annähernd typischer Rennspielkost, seid Ihr hier nicht an der richtigen Stelle.
Zwar drehen sich trotzdem zwei der vier zentralen Spielmodi – die namensgebenden ”Air Rides” und ”Top Ride” – um das Konzept, aber auf ihre Weise. So fahrt Ihr hier nur einzelne Rennen, Meisterschaften oder Karriere-Strukturen gibt es keine. Auch wird gar nicht erst versucht, Fahrer- und Fahrzeugfeld ausgeglichen zu gestalten: Die Leistungswerte und die teils ausgesprochen eigenwilligen Verhaltensweisen bei den fahrbaren Untersätzen sind eine Gaudi für experimentierfreudige Spieler – Chancengleichheit spielt dabei eine untergeordnete Rolle.
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Da passt es auch, dass nicht wenige der Strecken spektakulär anzusehende Achterbahn-Passagen auftischen, bei denen Übersichtlichkeit nicht unbedingt angesagt ist. Das war früher schon so und die Steuerung bleibt (nahezu) gleich: Gas gegeben wird automatisch, für fast alles andere wird nur ein Knopf genutzt, Wirbelattacken löst Ihr durch Rütteln am Analogstick aus (oder optional via Bewegungserkennung), während Boost- und Driftaktionen aufgeladen werden, was kurze Bremspausen bedingt. Kurzum: Die Handhabung mag simpel erscheinen, ist aber gewöhnungsbedürftig.
Jenseits der Rasereien wartet der ”City Trial”, laut Sakurai der eigentliche Hauptmodus des Spiels. Hier wuselt Ihr fünf Minuten lang mit bis zu 15 CPU- oder Online-Rivalen durch eine frei erkundbare Stadt, sammelt leistungsverbessernde Extras ein, beharkt Euch gegenseitig und tretet danach zu einem von diversen kurzen Minispielen an, bevor es ohne Pause zum nächsten Durchgang geht. Dass viele schrullige Ideen und Details eingebaut wurden, steht außer Frage. Aber je nach Sichtweise lässt sich das Geschehen als heilloses Kuddelmuddel oder schier grenzenlose Wundertüte einordnen. Klarere Strukturen hat der ”Road Trip”, bei dem Ihr mit dem Helden Eurer Wahl kapitelweise verzweigende Pfade entlangfahrt und alle paar Meter zwischen drei Herausforderungen wählt, die in Häppchenform die verschiedenen Aufgabentypen der anderen Spielvarianten wiederverwerten. So bessert Ihr nach und nach Eure Werte auf, schaltet Videoschnipsel frei, mit denen die Hintergrundgeschichte des Air Riders-Mythos erzählt wird, und bewältigt am Ende ein imposantes Bosskampf-Finale.
Damit erst gar nicht der Eindruck aufkommen kann, dass irgendwie zu wenig geboten wird, bekommt Ihr ständig nebenher kleinere und größere Belohnungen aufgetischt, wenn Ihr entweder zufällig oder gewollt Hunderte Miniaufgaben erledigt. Neben rein kosmetischen Gimmicks sind auch einige Strecken, Fahrer und Gleiter nur so für alle Modi zu kriegen. Welche Bedingungen was freischalten, lernt Ihr aber erst nach und nach. Darum kann es im ungünstigen Fall eine ganze Weile dauern, bis Ihr zum Beispiel Euren Wunschfahrer aufgespürt habt. Auch sonst finden sich an allen Ecken und Enden liebevolle und teils überraschend aufwendig gemachte Details und Aktivitäten, mit denen man Zeit verbringen kann.
An einem zentralen Punkt ändern diese Beschäftigungen aber alle nichts: ”Kirby Air Riders” ist ein kurioses Sammelsurium, das man entweder richtig oder kaum mag. Da fällt ein eindeutiges Urteil schwer.
Meinung
Ulrich Steppberger meint: Nach zahlreichen Spielstunden bin ich umso mehr davon überzeugt: Masahiro Sakurai ist bewusst, dass sein jüngstes Werk nicht so wirklich das Gelbe vom Ei ist – und er folgerichtig möglichst viel reingepackt hat, damit das Game zumindest in Sachen Quantität überzeugt (was es durchaus tut). Es mag sein, dass Fans des GameCube-Vorgängers nun im siebten Himmel schweben. Aber wer damals nicht begeistert war, den wird Kirby Air Riders nur bedingt bekehren. An Grafik und Sound habe ich wenig auszusetzen, der typische Knuddelcharme kommt ebenfalls prima rüber und zu erledigen gibt es in der Tat jede Menge. Aber keiner der Modi überzeugt mich so richtig: Die normalen Rennen schwanken zwischen launig und chaotisch, die Vogelperspektiven-Variante macht es etwas stimmiger, hat dafür aber noch weniger Inhalt zu bieten. Das Durcheinander des City Trials ist ganz besonders Geschmackssache, immerhin hat mich der Road Trip bis zum richtigen Finale solide unterhalten. Auch dass die Steuerung erneut eine kuriose Mischung aus sehr simpel und zugleich überladen bleiben musste, mag mir nicht einleuchten. So oder so: Wer sich auf Kirby Air Riders einlassen will, findet sicher Aspekte, die eine Weile unterhalten. Aber von meiner Warte ist es weit weg davon, als Must-have zu gelten.
Wertung
18 Kurse (9 neue & 9 vom Vorgänger)
21 Fahrer und 22 Gleiter
Hunderte freispielbare Extras
ausführliche Tutorials
Knuffig-chaotische Action-Raserei mit hübscher Aufmachung und reichlich Spielmodi, die vieles macht, aber nichts davon so richtig toll.
Singleplayer70MultiplayerGrafikSound
