Mit dem Rollenspiel von Critical Role konnte ich absolute Noobs endlich überreden, mit Pen & Paper anzufangen

MeinMMO-Redakteur Alex durfte eine Erfahrung machen, die sich viele Tabletop-Enthusiasten wünschen: Er konnte rollenspielfremde Freunde davon überzeugen, mit dem besten Hobby der Welt anzufangen. Und „Schuld“ daran war Daggerheart, das Rollenspielsystem von Critical Role.

Es war Ostern und wir hatten einige Freunde zu Besuch, die wir länger nicht gesehen hatten. Wie so oft schwärmten wir in unseren Gesprächen von unseren letzten Tabletop-Sessions und erzählten von unseren dort erlebten Abenteuern, Charakteren und epischen sowie witzigen Siegen und Fails.

So kam es, dass ein Kumpel, der absolut nichts mit Rollenspielen, geschweige denn Gaming am Hut hatte, dann meinte: „Das klingt alles immer super spannend, aber ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das abläuft. Das klingt unwahrscheinlich kompliziert. Ich würde das unglaublich gern selbst mal ausprobieren.“ Ich bin mir auch sehr sicher, dass er diesen letzten Satz genau so und nicht anders gesagt hat (Spoiler: Hat er nicht, aber mein Tabletop-Herz wollte es so gern hören).

Ich überlegte kurz, denn er wollte es ja nun mal so und das ließ ich mir nicht zweimal sagen. Ich dachte zuerst an meine Starterbox von D&D, die im Regal stand, doch dann kam mir eine andere Idee. Alle am Tisch kannten zumindest die Serie Vox Machina von Critical Role, auch wenn sie sonst nichts mit dem Thema dahinter gemein hatten – dazu hatte ich sie in der Vergangenheit wenigstens zwing- äh überreden können.

Also … warum nicht Daggerheart? Immerhin handelt es sich dabei um das hauseigene System von Critical Role und das ist ja dann quasi auch Vox Machina, oder? Also legte ich das Regelwerk und die dazugehörigen Karten auf den Tisch und fragte: „Wie wär’s, wenn wir einfach mal eine Runde spielen?“ Und ich sollte nicht enttäuscht werden.

Was ist Daggerheart genau?

Daggerheart ist ein modernes, anfängerfreundliches Pen-&-Paper-Rollenspiel von Critical Role und deren Verlag Darrington Press, das nach einer offenen Beta im Jahr 2024 durch Community-Feedback weiterentwickelt wurde. Das System wurde speziell dafür erschaffen, eine erzählerische Spielweise mit starkem Fokus auf gemeinsame Geschichten und emotionale Charakterbeziehungen zu unterstützen.

Im Gegensatz zu eher regelgetriebenen Systemen wie Dungeons & Dragons setzt Daggerheart dabei auf schnelle, cineastische Action und leicht zugängliche Mechaniken. Letztlich dient das Regelwerk als flexibler Werkzeugkasten, der den Spielern eine riesige Sandbox bietet, um völlig frei ihre ganz eigenen Abenteuer und unvergesslichen Momente zu kreieren.

Hier gewinnt ihr einen kurzen Einblick in Daggerheart, wenn ihr das System gar nicht kennt:


Video starten

Critical Role stellen ihr neues, eigenes Rollenspiel vor: Daggerheart

Autoplay

Ein Baukasten voll mit Möglichkeiten, aber überschaubar

Zu meiner Überraschung stimmten alle zu und ich druckte kurzerhand einige Charakterbögen aus, die sich ganz leicht über die Homepage inklusive eines Schnellstart-Guides herunterladen lassen (Für Interessierte: Den gibt es derzeit leider nur auf Englisch). Und da entschied ich: Ich würde mich bewusst zurückhalten und einmal schauen, was passiert. Keine Anleitung durch mich, reines Herumknobeln und Ausprobieren meiner herzallerliebsten, aber sehr unerfahrenen Noob-Freunde.

Ebenso entschloss ich mich, lediglich das Schnellstart-Set zu verwenden, da ich mir relativ sicher war, dass es reichen würde. Und das tat es auch. Zumindest zuerst, doch dazu später mehr. Jeder suchte sich einen der vorgefertigten Charaktere aus und überflog einmal das dazugehörige Material. Dann begann schon wie von selbst die Diskussion, ob und wie sich die Charaktere denn kennen und wie sie zueinander stehen würden.

Nach etwas über einer halben Stunde fühlten sie sich bereit, loszulegen. Um sie nicht gänzlich zu überfordern, wollte ich die Rolle des Spielleiters übernehmen. Doch da der Schnellstart-Guide auch eine Sektion für DMs vorsieht, meldete sich der eine gamingversiertere Kumpel der Runde freiwillig, sodass ich mich entschied, zuzusehen und im Zweifel einzuspringen, wenn sie nicht weiterkamen. Doch das sollte vollkommen unnötig sein.

Denn dadurch, dass nicht nur der Schnellstart-Guide, sondern Daggerheart generell auch sehr übersichtlich und im Vergleich zu vielen anderen Systemen wie Dungeons & Dragons deutlich abgespeckter funktioniert, brauchte es nur eine kurze Eingewöhnungszeit und die Truppe wusste, wo sie ihre Infos herbekam, und hatte schnell verinnerlicht, was ihre Charaktere so können, ohne sich in zu vielen Werten oder Fähigkeiten zu verlieren.

Mehr zum Thema

Mehr zum Thema
Hier sind 8 Rollenspiele, die mindestens genauso gut sind, wie Dungeons & Dragons

von Alexander Mehrwald

Gemeinsam Geschichte schreiben, wie in einem Gespräch unter Freunden

Dadurch, dass es in Daggerheart keine festen Kampfreihenfolgen oder Ähnliches gibt, sondern alles in einem Flow und im gemeinsamen Erzählen passiert, entstand auch in dieser Gruppe schnell eine Dynamik. Da der Spielleiter ja auch nicht wusste, wie es in anderen Rollenspielsystemen so abläuft, folgte ihre Runde auch keinem Schema. Stattdessen entstand sie aus einem Gespräch heraus, in dem der Spielleiter-Novize einige Rahmenbedingungen entlang des Guides erzählte und die Gruppe relativ schnell ihren Flow fand, was sie tun wollte.

Dabei blieben Gespräche zwischen den Charakteren innerhalb des Spiels etwas auf der Strecke und auch Dialoge mit NPCs fielen manchmal etwas holprig aus, führten aber zu lustigen Interaktionen außerhalb des Spiels und zu kreativen Lösungen und Aktionen innerhalb. Mir fiel direkt auf, dass sich die Gruppe im Vergleich zu meiner erfahrenen, regelmäßigen Gruppe deutlich mehr darüber austauschte, was sie tun wollte oder auch, was die anderen so können, als direkt selbst zur Tat zu schreiten und stattdessen mehr innerhalb des Spiels mit den anderen zu interagieren.

Aber es funktionierte und es dauerte nicht lange und die Gruppe wurde mutiger, lustiger, kreativer. Und auch, wenn nicht alle den absoluten Zugang dazu fanden, wollten sie trotzdem noch eine zweite Runde drehen und die Rollen einmal wechseln. Denn sie hatten Blut geleckt und wollten nun etwas Eigenes probieren, mit eigenen Charakteren und einer freieren Geschichte.


Video starten

Der Trailer zu Critical Roles The Mighty Nein auf Amazon Prime zeigt die ersten Konflikte, mit denen die „Helden“ zu kämpfen haben

Neue Runde, neues Hobby?

Also drückte ich ihnen die Karten für die Völker, Communitys und Klassen sowie Unterklassen in die Hand und ließ sie einfach machen und ihre eigenen Charaktere nach Vorlage der Charaktere aus dem Schnellstart-Guide erstellen. Und das klappte besser als erwartet. Zwar waren sie erst etwas überfordert mit den vielen neuen Möglichkeiten, doch aufgrund der vorherigen Erfahrung fanden sie sich schnell ein.

Nach einiger Diskussion und regem Austausch hatten sie zumindest brauchbare Charaktere geschaffen. Für diesen Durchgang schlüpfte ich in die Rolle des Spielleiters und schüttelte mir ein grobes Setting sowie eine Prämisse aus dem Arm und gab ihnen etwas mehr Rahmen und Leitung, jedoch bewusst, ohne sie einzuschränken. Und schnell merkte ich weitere deutliche Fortschritte. Sie gingen mehr mit NPCs ins Gespräch und ließen sich auf das Geschehen ein, statt vermehrt Punkte abzuarbeiten, wie in einem Video- oder Brettspiel.

Und hier fügten sich die Punkte zusammen, die Daggerheart so perfekt für Unwissende und Anfänger macht: Es bietet genügend Material und Regeln, um einen Rahmen zu bilden, an dem man sich orientieren kann, lässt aber genügend Freiraum, um das Spiel daraus zu machen, das zur Gruppe passt. Minimalistische Fähigkeiten und Werte machen einen schnellen Einstieg möglich und lassen viel Interpretationsspielraum.

Eine fehlende, festgelegte Reihenfolge in Kämpfen und wenig komplexe, aber imposante und nützliche Fähigkeiten auf kleinem Level regen die Kreativität und ein starkes Zusammenspiel der Spieler und Charaktere an. Es motiviert, gemeinsam eine Geschichte zu entwickeln, ohne sich in zu tiefen oder vielen Regeln zu verlieren, in die man sich erst einarbeiten muss.

Dadurch lässt Daggerheart seine Spieler und auch unerfahrene Spielleiter direkt in das Spiel einsteigen und ihren eigenen Weg finden, der vor allem eines als Ziel hat: Gemeinsam eine gute Zeit zu haben und spannende Geschichten zu erleben. Dieses Rollenspielsystem begrüßt das Chaos, wo andere sich in Strategie und Planungsschleifen vergraben. Und das macht es gleichermaßen liebenswert wie einsteigerfreundlich.

Diese Offenheit und die teils simpel gehaltenen Regeln können für manche natürlich auch eher überfordernd sein, wenn man es lieber mit einer klaren Linie mag. Wer also klare Rahmenbedingungen und möglichst ausbalancierte Werte braucht, wird mit Daggerheart vermutlich eher nicht glücklich.

Zwar haben nach unseren zwei kleinen Sessions nicht alle der 5 gesagt, dass sie es wieder spielen werden, aber in einem waren sich alle einig: Es hat ihnen unglaublich viel Spaß gemacht und war eine ganz besondere Art der Verbindung unter Freunden. Und das war alles, was ich damit erreichen wollte. Mein Tabletop-Herz war glücklich.

Mehr zum Thema

Mit einfachen Mitteln werden eure Miniaturen noch hübscher, dafür benötigt ihr nicht mal viel Geld oder Skill

von Caroline Fuller


Amazon verrät das Release-Datum zu Legend of Vox Machina Season 4, läutet mit Todeskulten und dunklen Göttern ein

von Benedict Grothaus


Ein Orden der Space Marines in Warhammer 40k ist bekannt dafür, alles zu klauen, gibt’s nur dank eines Strategiespiels aus 2004

von Benedict Grothaus

Und auch in dieser Session stellte sich wieder eine besondere Stärke von Daggerheart heraus, die ich persönlich sehr liebe: Es lässt deutlich mehr Action zu als viele andere Rollenspielsysteme. Dadurch ist es schneller, interaktiver und hält Spieler dazu an, realistischer zu spielen. Und das macht es durch einige clevere Kniffe möglich: Das Rollenspielsystem von Critical Role ist perfekt für alle, denen Dungeons & Dragons zu wenig Action hat

Der Beitrag Mit dem Rollenspiel von Critical Role konnte ich absolute Noobs endlich überreden, mit Pen & Paper anzufangen erschien zuerst auf Mein-MMO.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *