Seit 2019 gehört The Boys zu den bekanntesten Serien auf Amazon Prime Video. Bald geht sie mit Staffel 5 ins Finale und im Zuge dessen hat sich MeinMMO-Redakteur Nikolas Hernes die Comics angeschaut: Das war ein großer Fehler.
Ich bin großer Fan der Amazon-Serie zu The Boys und freue mich nicht nur auf die nächste Staffel, ich schaue mir auch mit Genuss jeden Social-Media-Post zur Serie an. Im Zuge der 5. Staffel, die am 8. April startet, wollte ich mir noch die Comics von Garth Ennis anschauen, auf denen die Serie basiert.
Tja, das war keine gute Idee, denn um es kurz zu machen: Ich finde die Comics nicht gut. Ich habe knapp die Hälfte gelesen und dann abgebrochen. Es ist ein Wunder, dass die Amazon-Serie so gut ist, aber es zeigt auch das Potenzial, das eine Adaption bietet.
Autoplay
Grenzen sprengen, um Grenzen zu sprengen
Die Prämisse im Comic ist ähnlich wie in der Serie. Nachdem A-Train versehentlich die Freundin von Hughie, der hier aussieht wie Schauspieler Simon Pegg, getötet hat, trifft er auf Butcher und landet bei den Boys. Für die CIA untersuchen sie Fälle der Supes, in denen es nicht mit rechten Dingen zugeht.
Der Comic ist ebenso brutal wie die Serie, übertreibt an anderen Stellen meiner Ansicht nach aber etwas zu sehr mit dem Provozieren. Direkt in einer frühen Storyline untersuchen die Boys einen Klub für Homosexuelle.
Die werden dann gerne auch mal beleidigt, aber nicht nur von den Supes. Selbst Hughie, der einzige emotionale Anker für die Leser, nutzt homophobe Begriffe. Das könnte grundsätzlich eingesetzt werden, um eine Gesellschaftskritik zu konstruieren, aber das passiert nie.
Das ist ziemlich bezeichnend für The Boys in den Comics. Es werden Grenzen gesprengt, aber nie um etwas zu erzählen, sondern um eine Grenze zu sprengen. Das kann man mögen und Serien wie South Park haben einen ähnlichen Ansatz, aber mir fehlt da die Satire oder die Kritik, die die Amazon-Serie so gut macht.
Ennis setzt explizite Gewaltdarstellung und insbesondere sexuelle Gewalt ein, um eine Schockreaktion auszulösen, aber nie, um etwas zu erzählen. Das ist besonders kritisch, weil es in den Comics oft passiert.
Allgemein fehlt es an Tiefe. Auch die Figuren sind ziemlich plump. Charakterentwicklung gibt es kaum und die Supes sind meist nicht mehr als einfach unglaublich bösartig. Ein gutes Beispiel ist Homelander. Auch in der Serie ist er böse, hat aber mit seinem Ego, seiner Vergangenheit und seinen Beziehungen eine gewisse Tiefe, die ihn auszeichnet. In den Comics ist er einfach nur ein Superman-Klon mit großem Ego.
Wenn man die Storylines der Comics und der Serie vergleicht, merkt man, dass die Serie eigentlich nichts davon wirklich adaptiert. Was sonst für viele Comic-Fans eine Sünde darstellt, war für mich in diesem Fall die wohl die beste Entscheidung.
Die Serie nimmt sich die Idee der Comics, machte sie modern
Garth Ennis ist kein Freund von Superhelden. Das verriet er in mehreren Situationen, so zitierte ihn die Los Angeles Times 2019 mit folgenden Worten: [Die Superhelden] scheinen die perfekte Fantasie von Hoffnung und Selbstermächtigung für eine Welt zu sein, in der es zunehmend an beidem mangelt. Da ich persönlich nicht mit Superhelden aufgewachsen bin, finde ich sie völlig idiotisch.
Den Satz finde ich spannend. Ennis wollte mit The Boys eine Heldenwelt zeigen, die eben nicht heroisch ist, sondern machthungrig und kontrollierend. Leider wirken die Comics meist eher so, als würde er Superhelden wirklich hassen.
Die Amazon-Serie geht einen anderen Weg. Sie ist nicht einfach nur eine Parodie auf Superhelden, sondern auf Superhelden-Franchises, mit einer gesellschaftskritischen Ebene. Diese Kombination fehlt in den Comics. Diese sind einfach nur gegen das Konzept Superheld, während die Superhelden in der Serie als Projektion für gesellschaftliche Probleme genutzt werden.
Dadurch fühlt sich jede Staffel von The Boys auch modern an, weil man aktuelle Geschehnisse aufgreift. Die Gewalt und derbe Humor sind in der Serie Teil der Welt, aber nicht der Fokus der Erzählung. Fairerweise muss man aber bei der Serie anmerken, dass sie es auch nicht immer perfekt macht.
Die Amazon-Produktion zeigt aber auch: Es gibt irgendwo in dieser fürchterlichen Welt einen guten Kern. Niemand repräsentiert das so gut, wie der Charakter A-Train.
Der Kern eines Helden ist trotzdem da
Versteht mich nicht falsch. Die Supes sind auch in der Serie bösartige Menschen, aber es gibt Entwicklungen, bei Quatsch-Köpfen wie The Deep, aber vor allem bei A-Train. Mit ihm beginnt die Geschichte und in Staffel 4 entwickelt er sich wirklich langsam zum Helden.
In Folge 6 von Staffel 4 hat MM eine Herzattacke und A-Train ist der Einzige, der ihn retten kann. Kimiko bittet ihn und er tut es, erst einmal widerwillig. Er bringt ihn ins Krankenhaus und ein kleiner Junge sieht ihn dabei und lächelt. A-Train fühlt sich gut, wie ein Held. Ein Kommentar unter dem YouTube-Clip fasst es perfekt zusammen: Es ist nie zu spät, ein echter Held zu sein.
Diesen Kern hat die Serie verstanden und verarbeitet ihn auch in einer Figur, die anfangs böse wirkte. Dadurch besteht die Welt nicht nur aus schlimmen Dingen, sondern zeigt auch, dass es immer Hoffnung gibt. Viele Supes sind böse, aber eben nicht alle.
Allein A-Train hat so mehr Charakterentwicklung als wohl jede Figur in den Comics, vor allem als sein gezeichnetes Äquivalent, das man als Figur wirklich in die Tonne kloppen kann.
Den Clip könnt ihr euch hier anschauen:
Eine Figur ist in den Comics aber trotzdem ein Highlight
Ist wirklich alles schlecht an den The Boys-Comics? Nein. Ich finde den Artstyle oft passend zur derben Welt und auch Butcher als Figur hat seinen Reiz, da er wie die Supes eine ziemlich bösartige Ader hat, auch wenn ihm der Konflikt aus der Serie fehlt.
An der Stelle muss ich aber auch James Stillwell erwähnen. Er ist eigentlich der große Schurke der Serie, der die Entscheidungen für Vought trifft. In der Serie wurde er in 2 Figuren verarbeitet, nämlich Madelyn Stillwell und Edgar Stan. Die werden dem Comic-Auftritt aber nicht gerecht.
In jedem Panel, in dem er vorkommt, hat er eine starke Präsenz und seine emotionale Kälte, auch im Konflikt mit Homelander, ist immer spannend und fesselnd. Er repräsentiert einen skrupellosen Firmen-Chef, der ohne Kräfte trotzdem bedrohlicher wirkt als die Superhelden.
Edgar Stan hat diese Rolle zwar übernommen, doch ich hätte sie gerne noch präsenter in der Serie gesehen, da sie als Gegengewicht zu Homelander in den Comics schön funktioniert.
The Boys zeigt, dass man nicht alles genau adaptieren muss. Comics sind ein anderes Medium und nicht alles funktioniert auf dem Fernseher. Vor allem zeigt die Serie aber, dass man auch Werke modern adaptieren kann, wenn sie nicht mehr zeitgemäß wirken, solange man eine eigene Vision und eine stringente Idee hat.
Die Amazon-Serie findet nicht nur in den einzelnen Folgen statt, die Macher arbeiten auch smart mit sozialen Medien. Das zeigt auch The Deep, der in YouTube-Videos philosophischen Quatsch von sich gibt: Ein Supe aus The Boys gibt nur Quatsch von sich, zeigt dadurch, warum die Serie so gut ist
Der Beitrag Die Amazon-Serie zu The Boys begeht eine „Sünde“ für Comic-Fans, aber genau das macht sie so gut erschien zuerst auf Mein-MMO.
